Pressestimmen

 Vom Wachsen der Reben und der Seele

 

Markus Ramseier hat mit «Vogeleu» einen bewegenden Roman geschrieben. In ihm erzählt er eine Geschichte von Sehnsucht, Hoffnung und dem Aufbruch in das eigene Leben, sprachlich und inhaltlich überzeugend.

 

Geich am Anfang brennt es lichterloh. Irgendjemand hat einen Brand am Badehaus gelegt, und nun muss der Grossvater, der eine Rauchvergiftung erlitt, im Hubschrauber ins Krankenhaus. Erschüttern kann ihn das nicht. «Ich vermisse die Reben», sagt er noch in der Luft, «vielleicht ist es das Alter ... Es ist doch ein Irrwitz, so festgeschnallt zu werden, um nicht aus der Welt zu fallen. Ich bin ein einfacher Mensch, ich mache Wein, um glücklich zu sein.» Flo, seine 19-jährige Enkelin, begleitet ihn.

«Was ich übers Leben weiss, habe ich von ihm», sagt im kurzen Prolog zu Markus Ramseiers Buch Flo, die Ich-Erzählerin, die die Ereignisse rund um diesen Brand mit einer trocken-witzigen Coolnes aufzeichnet, die sie wohl auch vom Grossvater hat. Niemand ist verletzt, nur Grossvaters Schneckensammlung im Keller ist zerstört.

 

Suchende ohne Wohlfühlzwang

Flo ist eine Suchende. Am Tag nach dem Brand ist ihre Maturfeier, aber wie es scheint, hat sie in der Schule so wenige Antworten auf ihre Lebensfragen bekommen wie beim Vater, dem ehrgeizigen Hotelier, oder der hysterischen Mutter. Hinter vielem, was Menschen eitel und ehrgeizig macht, materielles Gut und erworbene Diplome, sieht sie Lebensleere. Auf eine hellwache und zugliech unaufgeregte Art beobachtet sie. «Nein, für Grossvater ist der Brand keine Tragödie. Er hat nichts mit seinem Kern zu tun», heisst es an einer Stelle. «Der Keller wirkt unaufräumbar, aber auch friedlich wie früher.»

Früher hat Flo ihrem Grossvater auf dem Rebberg geholfen, sie hat sein heftiges Interess an Schnecken geteilt, und sie ist durch ihn zur Läuferin geworden. Wenn sie jetzt von ihrem Vater um die Aschenbahn gehetzt wird, folgt sie dagegen den Zielen dieses stromlinienförmigen Wellness-Hoteliers, der alles dazu tat, anders als sein Vater zu werden, und der in Werbeformeln redet, egal, ob es um Heilwasserkuren oder den Erfolg seiner Tochter geht. Auch Grossmutter Jana - schon länger nicht mehr Grossvaters Frau - kann mit dem anbiedernden Verhalten ihres Sohnes wenig anfangen: «Trotz Royal-Hydro-Bad und farbig blinkenden Sternchen an der Holzdecke liegen eure Gäste wie tote Fliegen auf den Hotelbetten ... das ist der reinste Wohlfühlzwang. Frottéepantöffelchen, ayurvedische Duschgels ... Alle zehn Meter stolperst du über einen Früchtekorb.»

Kein Zweifel, Flo ist ihren Grosseltern weit ähnlicher als ihren Eltern, und was in ihr rumort, ist die Sehnsucht, dem schönen Schein zu entkommen. «Kann man in gewissen Umgebungen überhaupt reden, ohne zu lügen?», fragt sie sich am Abendbriottisch - aber wie zurück zu jener Echtheit gelangen, die das Kinderleben mit dem Grossvater hatte? Ein Zurück, das weiss sie, gibt es nicht. Aber wo geht es weiter? Wohin führt eine Zukunft, in der sie von Erwachsenen wie dem Vater, dem heimlich trinkenden Hotelconcierge Thomas und den egozentrischen Hotelgästen umgeben ist?

«Ist das die Welt der Maturi, der reifen Erwachsenen? Bin ich nicht längst von einem jungen zu einem alten Menschen geworden in diesem Haus, wo das Glück so reichlich fliesst, dass es überschwappt?» Altklug würde man sie nennen, wenn sie nicht wirklich klug, auf eine tiefe Art wissend wäre.

 

Witzig und schwermütig

Das Rätsel des Brandes löst sich auf unerwartete Weise. Das wichtigere Thema des Buches löst sich nicht: Flos Ablösung vom Grossvater als des «einzigen, der ihre Seele berührt hatte», nun gleich doppelt erzwungen von ihrem «Flüggewerden» via Matur einerseits, von seiner Krankheit andererseits. Die Intensität dieser zwei Wochen im Leben des nach aussen so starken Mädchens, das nie um eine Antwort verlegen scheint, das seine Verehrer abblitzen lässt und sich von Vater und Mutter abgrenzen kann, ist deshalb so berührend, weil Flos verletzlicher Kern, ihre tiefinnere Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und Leidenschaftlichkeit in einer Sprache erzählt werden, die fern jeden Klischees so eigen und kraftvoll, so witzig und schwermütig zugleich ist, dass man ihr unmittelbar glaubt. Nein, man möchte sie gar nicht mehr verlassen, die eigenwillig erzählten Persönlichkeiten der Geschichte, man möchte auch am Ende des Romans mit ihnen nicht fertig sein.

Bernadette Conrad, St. Galler Tagblatt, 11.9.2013 / Aargauer Zeitung 13.8.2013 / Zürichsee-Zeitung, 2.8.2013 

 

 

Vom Loslassen und Loslösen

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Der Basler Autor Markus Ramseier schreibt präzise, durchdacht, gerade wenn es um Beobachtungen seiner Protagonistin geht. Flo hat eine ganz eigene Ausdrucksweise, die sich besonders dann zeigt, wenn sie sich in der Natur aufhält. «Es riecht nach gestern. Nackt schwimmen wir eine kleine Sekundenrunde. In Gräbern und Löchern gurgelt das Mooswasser. Schwarze, faule Wunden platzen. Am Himmel verpuppt sich das letzte Blau, Das Blut rauscht. Wir suchen uns eine Schale im Moos.» Oft nahe an der Lyrik, lautmalerisch, rhythmisch ist die Sprache und wirkt doch nie erzwungen. Dem poetischen Duktus stellt Ramseier einen ironischen Tonfall gegenüber, denn «Vogelheu» ist nicht nur ein leiser Coming-of-Age-Roman, der sich stark auf Innerliches konzentriert: Er birgt auch Komik im Seitenhieb gegen den Wellness-Boom.

Andrea Lüthi, Neue Zürcher Zeitung, 10. 5. 2014

 

Die letzten Tage im Paradies

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Ein bisschen ist Flos Leben wie das Gericht «Vogelheu». Auch an ihm wird in der Pfanne ständig gezerrt, damit Brotrösti, Eier und sonstige Zutaten nicht «zusammenhocken». «Vogelheu» ist eine Geschichte von Zerrissensein zwischen fremden Erwartungen und den vagen eigenen Vorstellungen von dem, was man will - mithin eine Adoleszenzgeschichte. Gibt die Gegenwart für Flo keinen Sinn, tut es die Vergangenheit umso mehr: Da «fliegen die Vögel aus Protest über so viel Ungerechtigkeit auf dem Rücken». Da perlen Weinbauernvokabeln wie «Geschein» oder «Faselgeschoss» durch die Sätze. Flo mag sie, denn «in ihnen wird das Vertraute immer wieder zum Geheimnis». Autor und Flurnamenforscher Ramseier gelingt hier ein feinsinniges Plädoyer für die Verbundenheit mit einem Flecken Erde, den man Heimat nennt, mit seinem herben Duft nach spätem Heu und Reife.

Christina Walker, Literarischer Monat, 12/2013

 

 

Schnecken im Paradies

In einem Wellnesshotel aufzuwachsen muss seltsam sein. Auf einen klarsichtigen Teenager muss das angestrengte Wohlfühl-Tuning, dem sich die Gäste unterziehen, höchst sonderbar wirken. Die Heldin von Markus Ramseiers neuem Roman beobachtet diese Welt bevorzugt von der Peripherie her: vom Badehaus hinter dem Park, wo der unangepasste, lebenslustige Grossvater lebt und Arschpflaumen pflückt, von der Fluh herab, dem Paradies, dem steilen Rebberg, wo die Trauben für den Paradieswein reifen und die Schnecken sich paaren. Flo, die gerade die Matura geschafft hat, lässt sich durch die geballte Leere der Wochen danach treiben. Gleichaltrige Jugendliche interessieren sie dabei erstaunlich wenig, viel weniger als die kuriose, sowohl tragische als auch amüsante Truppe, die diesen modernen Zauberberg bevölkert.

Da sind die stromlinienförmigen Eltern, deren letzter nasser Kuss Jahre her ist und die ihren unterschwelligen Stellungskieg unter verbissener Geschäftigkeit und Erfolgssucht vergraben. Der Vater empfängt als Wellness-Pionier Fernsehteams und erfindet Programme wie Feeltop-Check-Up und Smart Aging; die Mutter organisiert Vernissagen im Hotel für ihre schwülstigen Mohnblumenbilder und ist ansonsten vor allem vorbildlich gecremt. Der Nachtportier Thomas schlingert durch die Fremdsprachen, als könnte er auf ihnen abheben in ein anderes Leben. Aus der badebemäntelten Horde der Gäste mit ihrem Willen zur Verbesserung, Verschlankung und Verbiegung schält sich nur selten ein Einzelner heraus: der Student, mit dem Flo ihre Jungfräulichkeit überwindet, der ältere und verheiratete Schneckenforscher, der ihr hartnäckig nachstellt, den sie kaum erträgt und sich doch faszinieren lässt.

 

Geschliffene Kieselsteine

Den Gegenpol zu all dem verkörpert Grossvater Schneck mit seinen drei geliebten Frauen, die ihn einrahmen, von ihm zehren und zuweilen auch an ihm herumzerren. Von Jana, Flos Grossmutter, hat er sich früh getrennt, sie hatten sich «verwählt» und bleiben doch aufeinander bezogen. Renée, die stille Schneckenfrau, die sich ganz dem Schutz dieser Tiere verschrieben hat, liebt der Grossvater am meisten und ist ihr doch nie nahe genug, wobei ihre Ehemann das geringste Hindernis ist. Irène wiederum, die etwas überkandidelte Musikerin, fühl sich bei Schneck geerdet und teilt mit ihm vor allem die Liebe zur Musik.

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Ramseiers Stil ist eine angenem knappe Prosa, gespickt mit Sätzen, die wie kleine, geschliffene Kieselsteine herausragen. Im besten Fall spalten sich diese als stille Bebobachtungen aus dem Erzählfluss auf: wortspielerisch und voller Freude am Paradoxen, sprunghaft und bedeutungsgeladen.

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Welt als Spirale

Ab dem zweiten Drittel beginnt das Buch beträchtlich: wenn sich Grossvater Schneck als der verschmitzte, sinnenfreudige Rebell zeigt, der er ist (...). Wenn sich das enge Geflecht zwischen den Figuren heruaskristallisiert, voller Zärtlichkeit, aber auch Frustration und Fremdheit. (...) Und wenn die Leser am Ende mit einem wunderschönen, traurigen letzten Kapitel belohnt werden, in dem sich die ganze Welt des Romans gleichmässig wie ein Schneckenhaus einrollt zur fortwährenden Spirale von Leben und Tod.

Ria Köppel, Basler Zeitung, 11.9.2013

 

 

Alle wittern das große Geld

Altbackenes Brot mit Butter gebraten, Milch, Eier, Käse: Das sind die Zutaten für das "Vogelheu", das Leibgericht der Hauptfiguren in Markus Ramseiers neuem Roman "Vogelheu". Der Titel spielt aber nicht nur auf dieses ehemalige "Arme-Leute-Gericht" an, sondern weckt auch Assoziationen: an Vögel, die fliegen, an Heu, das duftet.

Zum Saisonauftakt der Literatur-Initiative Arena las Ramseier im Kellertheater der Alten Kanzlei in Riehen aus diesem 330 Seiten starken Roman. Der 1955 geborene Autor aus Pratteln erzählt die Geschichte der 19-jährigen Flo und ihres 70-jährigen Großvaters. Dieser wird als eigensinniger Rebbauer, Charmeur und Bankrotteur beschrieben, der um seinen Rebberg kämpft. Ungewöhnlich ist, dass Ramseier den Roman aus der Perspektive der Enkelin Flo geschrieben hat. Die Rebhütte und der Rebberg spielen eine wichtige Rolle in dem Roman, der mit einem Brand in der Nacht des 70. Geburtstags des Rebbauern beginnt. Danach lässt sich der Autor viel Zeit, um Figuren und Handlungsstränge zu entwickeln. Aus der Ruhe heraus zu schreiben, ist die Stärke Ramseiers. Es gelingt ihm, sich mit Empathie und Beobachtungsgabe in die Figur der 19-jährigen Flo hineinzuversetzen.

Die Lage spitzt sich zu, als Flos Vater, der Besitzer eines Wellness-Hotels, den Krankenhausaufenthalt des Großvaters ausnutzt und Pläne zur Überbauung des Rebbergs schmiedet. Eine Wunderquelle wird entdeckt, alle wittern das große Geld. Ein Drittel der Geschichte spielt in dem benachbarten Wellness-Hotel. In den Episoden um das Riesengeschäft mit dem "Wohlgefühl" bringt Ramseier viel Humor ins Spiel. Ironisch, aber auch gesellschaftskritisch schildert er die Wellness-Szene, die ein florierender Geschäftszweig geworden ist. Der Autor hat sich intensiv mit diesem Metier beschäftigt. Seine Schilderungen gehen schon ins Gesellschaftspolitische.

Man lernt immer neue Figuren kennen, auch drei Frauen, die auf der Seite des Großvaters stehen: seine erste Liebe Jana, die Cellistin Irène und die Schneckenforscherin Renée. Der Kampf um den Rebberg, die Beziehung zwischen Großvater und Enkelin, die zunehmende Entfremdung, die dunklen Schatten, die auftauchen, die Hassliebe, dann die vorsichtige Annäherung: Dies beschreibt Ramseier in wohltuend gelassenem Erzählstil, mit feinem Humor, aber auch einem Hauch von Vergänglichkeits-Melancholie.

Roswitha Frey, Badische Zeitung, 5.9.2013


 
Vogelheu: Eine poetische Geschichte
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Ramseier gelingt überzeugend, was männlichen Autoren nur selten gelingt, nämlich sich in die Persönlichkeit einer jungen Frau zu versetzen und aus ihrer Perspektive zu erzählen. Dabei beweist er Intuition und Beobachtungsgabe. 
Jürgen Scharf, Südkurier, 19.9.2013
 

Aufbruch ins eigene Leben

Flo ist 19, hat gerade die Matura gemacht und versteht sich nicht mit ihren Eltern, die ein Wellness-Hotel führen. Flos Bezugsperson ist ihr Grossvater, ein alter Charmeur und Causeur, der einen Weinberg bebaut, Schnecken züchtet und Erfindungen macht. Doch sein Sohn, der Hotelier, will sein Wellness-Angebot ausbauen und bräuchte dazu den Weinberg als Bauland. Eines Tages wird der Grossvater nach einem mysteriösen Brand ins Spital eingeliefert und Flo spürt zum ersten Mal, was eine Trennung und ein eigenes Leben bedeuten könnte. Auch eine erste echte Liebesge- schichte macht ihr sehr zu schaffen.

Markus Ramseier, 1955 geboren und in Pratteln lebend, ist sozusagen einer der Naturburschen der Schweizer Gegenwartsliteratur. Sein Schreibenist geprägt von einer intensiven Wahrnehmung der Natur, des Kleinen, nicht so Spektakulären. Er schafft immer wieder verblüffende, poetische Bilder und seine Kritik, etwa am Wellness-Wahn, ist stets ironisch leise. In seinem neuen Roman gelingt es ihm auch, glaubwürdig aus der Perspektive einer jungen Frau zu erzählen.

Wilfgang Bortlik, 20minuten, 13.08.2013

 

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Markus Ramseier thematisiert in seinem neuen Roman „Vogelheu“ den Kontrast zwischen der expansiven Welt eines Wellnesshotels und einem alten Rebberg, der den Ausbauplänen des Hoteliers zum Opfer fallen soll – wobei es sich bei diesem Letzteren ironischerweise um den Sohn des Rebbauern handelt. Der Text beschränkt sich aber nicht darauf, in kulturpessimistischer Manier das Alte zu glorifizieren und das Neue abzuwerten; vielmehr steht auch die Enkelin des alten Bauern ganz auf dessen Seite. Ramseiers Text knüpft unter anderem – insofern er das geistige Heranreifen der Enkelin schildert – an die Tradition des Bildungsromans an: Flo hat soeben die Matura bestanden und sieht sich vor die Aufgabe gestellt, Teil einer Erwachsenenwelt zu werden, die sie befremdet. Ramseier bedient sich einer Sprache, die nicht moralisierend wirkt und den Leser in keiner Weise bevormundet. ... Sich als Autor in eine neunzehnjährige Protagonistin einzufühlen, ja aus ihrer Perspektive zu erzählen – von ihrem Verhältnis zum Grossvater, ihrem Leiden an der Sinnleere der Elterngeneration, ihrer ersten grossen Liebe –, ist eine grosse Kunst. Andreas Lang, Allgemeine Lesegesellschaft Basel, 27.8.2013

 

 

Aufbruch und Abschied

Was männlichen Autoren nur selten gelingt - Markus Ramseier bringt es in seinem bei Haymon erschienenen Roman «Vogelheu» scheinbar spielend fertig: Konsequent und überzeugend erzählt er aus der Perspektive einer jungen Frau. Die 19-jährige Flo hat eben die Matura bestanden, da krempelt ein rätselhaftes Brandunglück ihr Leben um und stellt sie zugleich vor schwieirige Fragen und Entscheidungen. (...)

Und fast alleine muss sie schliesslich auch den kranken Grossvater im Sterben begleiten. Dass sie sich diesen Herausforderungen gewachsen zeigt, verdankt sie der Lebensschule, durch die sie in Gesellschaft eben dieses Mannes gegangen ist, der den meisten Mitmenschen als kauziger Eigenbrötler erschien, zugleich aber von leidenschaftlicher Anteilnahme an den Vorgängen in der Natur erfüllt war.

Neben bemerkenswertem psychologischem Fingerspitzengefühl ist es vor allem Ramseiers Sprache, die Personen und Verhältnisse des Romans überzeugend erscheinen lässt.

Valtentin Herzog, Riehener Zeitung, 30.8.2013

 

 

Ein Brand im Badehaus

(...)  Ein Drittel des Romans spielt in einem Wellness-Hotel. Die 19-jährige Flo ist die Tochter des Hoteliers und aus ihrer Perspektive ist der Roman erzählt, der sich vor allem um den Großvater, einen Weinbauern, Fabulierer, Charmeur und Bankrotteur dreht. Der Schauplatz ist sehr wichtig: neben dem Rebberg, das alte Badehaus, in dem Großvater wohnt (in einem solchen hat der Autor vor zehn Jahren selbst gewohnt, wie er übrigens nahe an einem Rebberg lebt).

Neben diesem Leben und Arbeiten in den Reben hat Ramseier sehr genau die Wellness-Szene beobachtet, diesen florierenden Industriezweig („ein Riesengeschäft“). Wenn man seinen Roman durchblättert, trifft man auf viele Stellen, in dem das Leben im Hotel teils sehr ironisch und gesellschaftskritisch beschrieben wird. (...)

Auf gut 330 Seiten hat der 1955 geborene Autor, der lange Zeit auch das Dichter- und Stadtmuseum Liestal geleitet hat, viele Handlungsstränge untergebracht, und man lernt die unterschiedlichsten Figuren kennen. (...)

Auf den feinsinnigen Erzähler Ramseier, der nach zwei Bänden mit Kurztexten wieder eine poetische und sehr gelassen erzählte Geschichte folgen ließ, mit liebevollem Blick für Details, Witz und einem Hauch Melancholie, konnten die Zuhörer mit einem speziellen Tropfen „Vogelheueler“ zu Ehren des neuen Romans  anstoßen.

Jürgen Scharf, Die Oberbadische / Markgräfler Tagblatt, 5.9.13

 

 

Der Schriftsteller Markus Ramseier beschreibt das schmerzhafte Erwachsenwerden im paradiesischen Rebberg

 

22 Paradiese gibt es im Kanton Baselland. Der Prattler Flurnamenforscher und Schriftsteller Markus Ramseier (57) hat sich, in seinen eigenen Worten, «ein 23. Paradies gegönnt». Er beschreibt es in seinem vierten und neusten Roman «Vogelheu».

 

Herr Ramseier, wie ist es, ein 19-jähriges Mädchen zu sein?

Markus Ramseier: Wie es ist, eines zu sein?

 

Sie haben ja die Perspektive einer 19-Jährigen eingenommen in Ihrem neuen Roman.

Als ich das gemacht habe, wusste ich: Das ist riskant. Insbesondere weibliche Rezensentinnen fragen sich vielleicht, ob ein Mann das überhaupt darf... Ich habe aus dem sicheren Schutz von drei Töchtern, die dieses Alter schon passiert haben, geschrieben. Hinzu kommen drei Götti-Meitli. Ich bin zudem überzeugt, dass man sich in jede Figur hineinfühlen kann: alt, jung, blöd. Das muss einfach möglich sein – mit Intuition und Beobachten. Und es geht um diese 19-Jährige, nicht um irgendeine. Eine Figur muss mit all ihren Brüchen aufgehen, sie darf nicht zu rund werden.

 

Beim Lesen hat man den Eindruck, dass Ihnen die Wut und Unsicherheit dieses pubertierenden Mädchens sehr nahe ist.

Ich versuche, mich ganz fest in die Figuren hineinzuversetzen. Ich lebe mit und leide mit. Etwas vom Schönsten beim Schreiben ist für mich, wenn mir die Figuren ans Herz wachsen. Es ist ein wenig wie das Freischälen von Schichten bis zum Kern. Wenn ich eine böse Figur habe und diese zu verstehen versuche, ist das auch Versöhnungs- und Trostarbeit. Das ist mir sehr wichtig. Es ist beglückend, wenn ich am Ende das Gefühl habe, eine Figur ansatzweise verstanden zu haben und wenn ich ihr nah gekommen bin, auf irgendeine Art.

 

Die andere Hauptfigur ist die engste Bezugsperson des Mädchens: der Grossvater. Hatten Sie so einen oder hätten Sie gern so einen gehabt?

Meine Grossväter sind beide früh gestorben. Ich glaube, ich bin daran, mir einen Grossvater zu erschaffen, weil das je nachdem die nächste Rolle ist, in die ich schlüpfen darf. Eine wichtige, schöne Rolle. In verschiedenen Geschichten habe ich begonnen, diesen Part vorzupfaden. Ein Grossvater ist für mich vor allem ein Geschichtenmensch. Zum Teil setze ich die Figuren ein wenig grenzwertig an, damit sie etwas abdecken, das ich selbst im Leben noch nicht ganz erfahren habe – etwa an Schlitzohrigkeit, Frechheit, Anarchie. Schreiben ist auch das Ausloten von Möglichkeitsformen des Menschseins. Unlängst hat mir jemand ins Gesicht geschleudert, ich sei ein Bünzli. Zuerst hatte ich einen Schock, doch dann dachte ich: Es ist eigentlich befreiend,ein Bünzli zu sein. Ich brauche eine gewisse Sicherheit und Ruhe.

 

Sie haben schon einmal eine ähnliche Kurzgeschichte geschrieben, «Paradies».

Ja, das war eine Fingerübung für diesen Roman. Ich kann auch ganz ehrlich sagen: Diese Kurzgeschichte kam sehr gut an. Weil sie sehr menschlich ist und einfach. Ich will nicht absolut mehrheitsfähig werden, aber ich habe die Sehnsucht, «geliebt» zu werden. Mein Gespür für das, was für mich und überdies für andere stimmt, wächst. Ich will nicht an den Menschen vorbei-schreiben, ein zu verkopfter Typ sein. Mein Vorbild ist Mani Matter. Man soll Geschichten auf einer ganz vordergründigen Ebene lesen, aber auch immer tiefer gehen können.

 

Wann wird ein Stoff so dringlich, dass Sie ihn niederschreiben müssen?

Das ist wie ein Gewitter, das sich aufbaut. Aber während ganz langer Zeit. Dieser Roman hat vor über zehn Jahren angefangen, auf mich einzuwirken, gewisse Versatzstücke kamen ange-schwemmt. Am Anfang brennts im Buch. Aber wieso es da brennt, in meinem eigenen Roman, das weiss ich nicht mehr. An anderes erinnere ich mich genau: Zum alten Badehaus,in dem der Grossvater wohnt, kam ich 2003, als ich in Schuls selbst in einem solchen untergebracht und davon äusserst beeindruckt war. Das Badehaus habe ich mir von dort geschenkt und transferiert.

 

Hierhin ins Baselbiet?

In eine Gegend, die hier sein könnte.

 

Sie haben zehn Jahre an diesem Roman gearbeitet?

Ich habe daneben sehr viel gearbeitet – als Museumsleiter und Flurnamenforscher. Zwischendurch habe ich zwei Bände mit Kurzgeschichten herausgegeben. Der Roman ruhte. Mein neuer Verlag wollte trotzdem das Manuskript haben; der Lektor gab Entwarnung: Man würde es gern so nehmen. Ich musste mich also zum Glück nicht aufdrängen. Die Kulturszene ist eigentlich eine brutale Szene. Für mich ist sie in vielem unbegreiflich unmenschlich geworden. Dass ich da drin trotzdem eine Art Geborgenheit erfahre, ist schön.

 

Heute rasen fast alle um die Welt und mit Easyjet in die Städte. Sie verteidigen derweil das Einfache, das Ländliche. Sie sind nah am Boden, wie die Schnecken im Roman.

 

Ich glaube, Einfachheit ist eine Riesenqualität. Ich ringe um Einfachheit. Darum spielt der Roman auch im «Paradies», das ist das Paradies auf Erden – das die Hölle einschliesst. Ich mache seit Jahren einen Waldlauf um den Madlen herum, den Prattler Hausberg. Jeden Tag entdecke ich Fantastisches. Oben auf der Kuppe habe ich meine geheimen Orte. Dort lehne ich mich an eine Buche, schliesse die Augen, lausche, rieche am Stamm, spüre mit den Fingerspitzen, was da alles läuft. Es ist verrückt, wie viele Sinneseindrücke ich in Kürze habe, die sonst zugeschüttet sind. Eigentlich muss ich brutalerweise sagen, dass ich oft nur diese 15 Minuten dort oben wirklich lebendig bin. Diese Form von offen sein, ist für mich der Quell des Schreibens.

 

Sie müssen dafür nicht weit reisen?

Ich bin relativ weit in der Welt herumgekommen. Aber ich habe längst nicht mehr das Gefühl, ich müsse auf jedem Kontinent gewesen sein. Ich bin so überfüllt mit Eindrücken, dass ich es besser finde, das Naheliegende einigermassen zu verdauen und zu verstehen. Das geht nur ohne Hektik. Schreiben heisst Verlangsamen.

 

Der Roman lebt auch durch Ihre Beschreibungen der Natur. Man merkt, wie intensiv Sie diese wahrnehmen.

Ich zwinge mich dazu, hinzuschauen und zu hören. Manchmal bin ich so furchtbar oberflächlich und tschumple an allem vorbei – das ist nicht schön.

 

Sie verteidigen dieses alte Paradies gegen die neue Wellness- und Körperkultur.

Ich finde eine Sauna in Finnland an einem See etwas Grandioses. Aber ich habe etwas gegen den Verlust von Autonomie. Wenn Fitness und Schönheit mit einem gemacht wird,wenn es dauernd neuen Konsumterror gibt. Wellness ist ein Milliardengeschäft. Ich frage mich: Muss das sein? Für mich ist das nicht nötig. Ich beschreibe diesen Trend heiter-ironisch. Aber ich kann alle leben lassen, die da mitmachen. Das Buch hat jedoch durchaus einen gesellschaftspolitischen Anspruch: Das Verschwinden von Boden, unser Umgang mit Raum, beschäftigt mich. Nischen sind für mich etwas Heiliges, mein «Paradies» im Rebberg ist so eine Nische.

 

Zur Sprache. Sie überraschen gern mit Sätzen wie: «Die meisten sehen einander zum Verwechseln ähnlich, also kann man sie nicht verwechseln.» Oder jemand ist zur Kenntlichkeit entstellt. Und am schönsten finde ich: «Du erinnerst mich. An mich, Grossvater».

Das Unterwandern von stereotypem Sprachgebrauch mache ich aus einem Reflex heraus. Ich hinterfrage es auch immer wieder; vieles streiche ich wieder raus. Ich bin kein Action-Schreiber, der vom Plot lebt. Es geht mir um eine eigenständige, literarische Sprache. Der grösste Graus ist für mich aber das akademische Schreiben. Darum überprüfe ich solche Sätze, die selbstverständlich das Produkt von Intellekt sind. Ich will nicht zeigen, dass ich gescheit bin. Ich will auch nicht, dass meine Figuren seitenweise reflektieren. So entsteht ein hoffentlich ausgewogenes Gefüge von Handeln, Beschreiben und innerem Monolog oder Dialog.

 

Der Grossvater spricht manchmal schon fast in Gedichten.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich nicht traue, Gedichte zu schreiben. Aber ich liebe Poesie. Es haben mir schon viele Leute gesagt, gewisse Passagen wären Gedichte, wenn ich sie ein wenig anders arrangierte. Das Staunen, der Zauber ist mir wichtig.

 

Ganze Abschnitte aus früheren Kurzgeschichten kommen in diesem Roman vor. Ist das eine Art Selbst-Plagiat?

Das machen viele Autoren, auch Dürrenmatt hat immer wieder Anlauf genommen. Von mir aus gesehen ist das auch der Versuch einer neuen Vernetzung und Vertiefung. Die meisten meiner Romane entstehen aus Vorübungen. Aber mein nächster wird ganz anders, da ist jeder Satz

ganz neu.

 

Sie sind schon am nächsten! Worum gehts?

Es geht um einen Psychopathen, derein ganzes Quartier kaputtmacht; die Leute ziehen reihen-weise aus. Ich kenne einen Ort, an dem das passiert ist. Ich probiere aber, diese Geschichte in einem heiteren Ton zu erzählen. Ich gehe wieder ganz tief in eine Frauenfigur rein, so tief wie noch nie. Eine Lichtfigur, die mit dieser Situation gut umgehen kann. Warum ich wieder bei einer Frau lande, ist seltsam. Vielleicht ist mein Vertrauen in das Potenzial der Frauen wirklich grösser als in jenes der Männer.

Interview: Susanna Petrin, Nordwestschweiz 24.7.2013

 

http://demo.sfgb-b.ch/rabe/ramseier.mp3

Radio-Gespräch mit dem Kulturradio rabe, Radio Bern, 9.9.2013

 

http://buchmagazinmail.ch/blog/2013/10/markus-ramseiers-stiller-bestseller/

Interview Buchmagazin.ch, 15.10.2013

BUCHVERNISSAGE «IN EINER UNMÖBLIERTEN NACHT»

26. April 2018, 19.30 Uhr, Kultur- und Sportzentrum Pratteln

 

Sehen Sie hier die Zusammenfassung von Kurt Suter, pratteln.net