Leseprobe «In einer unmöblierten Nacht»

Prolog

 

Zwischen den Rebstöcken steht eine Hütte –

hoch über dem Fluss.

Sie gehört meinem Großvater und heißt Paradies.

Dort haben wir Geschichten erfunden

und die Köpfe draußen in den Brunnen getaucht.

Fang mich doch, hat Großvater Schneck gesagt,

dann erzähl ich weiter.

Was ich übers Leben weiß,

habe ich von ihm.

 

 

 I

Großvater steht im ersten Stock am offenen Fenster und rudert mit den Armen. Er wehrt sich gegen die beiden Feuerwehrmänner, die ihn packen. Es kann nichts Ernstes sein. Keine lodernden Flammen. Keine stürzenden Balken. Eine Drehleiter ist aufs Badehaus gerichtet. Die Digitalanzeige meines Weckers blinkt. 5.33. Großvaters Fest liegt erst wenige Stunden zurück. Ich habe sein Lachen noch in den Ohren. Ein spitzbübisches Lachen für einen Siebzigjährigen. Zusammen haben wir das Festessen gekocht – geschnitten, gerührt, gewendet. Nein, nichts kann passieren.

 

Im Trainingsanzug laufe ich durch den Park. Blaues Licht kreist. Männer in Schutzmasken geistern durch das Durcheinander der Schatten und Rauchschwaden. Ich spüre ein Kitzeln. Der Klang der Sirene verstärkt sich mit dem Wind.

„Siehst du, was passiert ist?“, die schrille Stimme einer Frau.

„Es ist der Ostflügel. Ich gehe näher ran.“, ein Männerbass. Großvater liegt jetzt festgeschnallt auf der Bahre, schmal und sehnig. Er trägt einzig eine Unterhose und ein weißes Leibchen und riecht nach verbranntem Haar. Am Ohrläppchen glitzert der goldene Stecker mit den Trauben, den Jana ihm geschenkt hat. „Nein, Sauerstoff brauche ich nicht“, antwortet er einem Sanitäter.

„Gehts, Großvater?“

„Schön, bist du da, Flo, hab dich lang nicht mehr gesehen. Bist ja früh gegangen. Stell dir vor, ich hab nichts bemerkt und mitten im Qualm vom Fuchs geträumt.“

„Tuts weh?“

„Ich bin ein bisschen verkohlt, Hundertsackzement, das Schicksal hat mir ein kleines Geburtstagsfeuerwerk beschert. In meinem alten Badehaus sieht es aus wie nach einem Luftangriff. Ausgerechnet jetzt, die Trauben sind fruchtig, fest, aber der Jahrgang könnte etwas nervig werden, ich hab gedacht …“

Er hustet. Eine Fliege stochert im Blutrinnsal auf seiner Stirn.

 

Du erinnerst mich. An mich, Großvater. Einst waren wir wie Zwillinge. Wenn wir pinkeln mussten, haben wir die Beine breit gemacht. Jetzt schieben sich meine Gedanken zwischen uns. Was ich nicht frage: Weißt du noch? Nur ein Wort und ich bin dort.

 

Gaffer drängen sich auf die Eingangstreppe. Polizei und Feuerwehr blockieren die Zufahrtsstraße zum Hotel.

„Bitte keine Panik!“ Schneider, der Brandermittler und Kumpel vom Sportverein, stapft mit einem Kollegen im Schlepptau an mir vorbei, das Funkgerät an der Wange. Ein Fotograf blitzt in den Flammenbogen. Von der Fluh her ist ein Helikopter im Anflug. Scheinwerfer weisen ihn auf den Tennisplatz am Parkrand. Mutter kommt mit Vater im Schlepptau angelaufen. Sie wirkt gekränkt, weil man sie aus dem Schlaf gerissen hat, und weint wohl vor allem deswegen. Im Garten bezieht das Spurensicherungsteam Stellung. Mit Plastikband wird eine Absperrung gespannt.

„Wie alt ist er?“, fragt die schrille Frauenstimme.

„Älter als die Alpenfaltung“, antwortet Großvater und fasst sich an die Stirn. „Ein Urhelvetier. Ich habe Hunger. Eine große Schnitte, bitte. Mit Pflaumenkonfitüre.“

„Na dann, guten Appetit“, sagt Schneider.

 

Auf der Brücke taucht ein zweites Feuerwehrauto auf. Großvater antwortet mit einem heiseren Ta-tü-ta-tü und erfindet eine Art zweite Stimme, To-tu-to-tu, während der Fotograf ihn von allen Seiten ablichtet und der Helikopter zur Landung ansetzt. Ich spüre das Gras zwischen den Zehen, taunass, das Metall der Bahre am Schienbein. Der Wind schiebt Rauchballen über den Fluss.

„Es stinkt höllisch“, sagt ein junger Feuerwehrmann, Manuel, der Sohn des Kommandanten. Vor zwei Jahren habe ich von ihm meinen ersten Kuss erhalten – beim Herbsten, zuoberst im Rebberg. 

 

Eine Kellerscheibe zerspringt. Sternschnuppen stieben in alle Himmelsrichtungen. Ich höre Schussgeräusche.

„Vielleicht bin ich ja bis Mittag wieder auf den Beinen“, sagt Großvater, als ihn zwei Sanitäter hoch heben, „sicher bin ich auf den Beinen. Ich brauche keinen Helikopter. Einen Totenschein lass ich mir noch lange nicht ausstellen.“

„Eine reine Vorsichtsmaßnahme“, sagt der vordere Sanitäter. „Entspannen Sie sich, genießen Sie den Flug.“

Großvater faltet resigniert die Hände. „Du fliegst doch mit, Flo?“, fragt er. „So billig kommst du nie mehr in den Himmel.“ Und zum dickeren, gesprächigeren der beiden Sanitäter gewandt: „Sie ist meine Enkelin – und mein Stellvertreter. Sollte es mein Himmelsflug sein, wird sie mir eine kleine Abschiedsrede halten, oder? Das Leben eines kleinen Mannes ist ja schnell erzählt. Drei Minuten genügen für die Jahrzehnte zwischen dem Umspringen der Ampel von Grün auf Rot. Aber dem Pfarrer darf man das nicht überlassen. Sonst landet man nach dem dritten Satz beim Leiden und Auferstehen.“

Die Augen hält er jetzt geschlossen. Ich spüre seine Hand an meinem Knie, sehe einen Drachen vor mir aufsteigen – einen gelben Papierdrachen mit Großvaters Ge11 sicht. Er sticht senkrecht in den Himmel und zieht einen flatternden Schwanz hinter sich her. Der Druck der Hand wird stärker. Ich fühle mich weder alt noch jung, weder weiblich noch männlich – undefinierbar und nicht gerüstet, für was auch immer.

„Ich habe Schule“, sage ich. „Übermorgen feiern wir das Abschlussfest.“

„Schule“, schnaubt er. „Du bist noch nie geflogen, Flo, Fliegen ist reinste Physik! Richte dem Rektor einen Gruß aus von Großvater Schneck, wenn du zurück bist.“

Er bläst die Backen auf und intoniert perfekte Alphorntöne. Seine Augen werden feucht. Er dreht den Kopf von mir weg. „Ich habe vom Fuchs geträumt und nichts gesehen und gehört. Oder besser: ich war zu spät. Ich ging in den Keller und hatte das Gefühl, ich sei blind.“

Die Sanitäter heben die Bahre hoch, stelzen mit Großvater durch den Park und schieben ihn in den Helikopter. Mutter zwängt sich daneben, doch Großvater winkt ab.

„Flo kommt mit“, sagt er. „Ich gehe nur, wenn mein Stellvertreter dabei ist.“

„Na dann, los!“ Der dicke Sanitäter schubst mich auf einen Klappsitz und zieht die Schiebetür, während der Motor immer heller und höher dröhnt. Eine Erdfontäne spritzt auf. Der Hotelrasen ist überbelichtet. Zu Säulen erstarrt stehen die Gäste auf der Treppe oder gaffen in den Schlafanzügen aus den Fenstern. Zwei Frauen umarmen sich. Vater gestikuliert mit dem Polizeikommandanten. Das Badehaus sieht aus wie ein verrauchter Lehmhaufen. Auf dem Rebberg liegt ein Nebelstreifen. Für einen Moment steht der Helikopter über dem Hotel. Dann dreht er ab zur Fluh. 

 

Die Bahre quietscht. Es tönt wie das Kreischen von Katzen, die sich paaren. Großvater öffnet die Augen wieder.

„Ich stand auf der Kellertreppe über den Flammen, Flo, ich hörte die Gläser explodieren, spürte, wie Rochus den Kopf zur Seite drehte. Das Feuer war nicht mehr aufzuhalten. Es wäre sinnlos gewesen, auf den Flammen herumzutrampeln. Der Rauch kam in schwarzen Wolkenund verschlug mir die Stimme. Dem Papst erging es nicht besser vor Jahren. Er ließ sich ans Fenster schieben und brachte nicht einmal mehr ein Krächzen zustande für die Menge auf dem Petersplatz. Auf meinen Segen wartet zum Glück niemand draußen.“

Ein Hustenanfall stoppt ihn.

„Schonen Sie Ihre Stimme, entspannen Sie sich“, sagt

der dicke Sanitäter, „seien Sie ganz still.“

Ein paar Rotorumdrehungen lang hält Großvater sich an den Appell. Der Helikopter zittert, als wäre er vom Fieber geschüttelt. Langsam füllt sich der Himmel mit Morgenblau. Ich möchte Großvater eine einzige Frage stellen. Sie hat nichts mit dem Brand zu tun. Am Fest dachte ich, der Moment sei gekommen, in der Küche, beim Rüsten. Ich wartete und wartete. Dann wars auf einmal zu spät. Zum ersten Mal spürte ich eine Art Heimweh nach früher. Ich bin froh, dass ich meinen alten Flohmarktschal um den Hals habe. In ihm halte ich mich am besten aus. Ich sehe die Kellertreppe vor mir, sehe Großvater Stufe um Stufe hinuntergehen, auf die Gläser zu, die in den Flammen explodieren. Wenige Stunden zuvor bin ich auch dort gestanden mit dem Glas, das er mir geschenkt hat.

„Was wünschst du dir zum Schulabschluss?“, fragt er.

„Einen Traktor? Wäre das nicht was für meinen Stellvertreter?“

„Aber nur ein roter.“

 

Unter meinen Füßen rumort es. Die Tannen an den Hängen sehen aus wie Teerpappe. Großvaters Stimme rattert mit den Rotorblättern um die Wette.

„Ein großes Gehirn ist eine tolle Sache, Flo, aber man muss auch etwas damit anfangen können. Große Gehirne sind teuer. Jedes Gramm Gehirn verbraucht zehnmal so viel Energie wie ein Gramm vom Arm oder vom Oberschenkel. Starke Menschen benutzen das Gehirn vor allem, um ihre Feinde aufzukaufen oder um heimlich Abfall zu entsorgen. Man muss sich in sie hineinversetzen, um sie zu verstehen. Dazu musst du nicht die Pistole zücken. Du  musst dir vorstellen, wo sie durchgelaufen sind und welche Gegenstände sie berührt haben. Die Spurensuche beginnt am Boden. Dort darfst du nie etwas verwischen. Das habe ich von Renée gelernt – und von den Schnecken.“ Wieder hustet er los, diesmal stärker.

„Viele kriegen einen Wutanfall, wenn sie deinen Namen hören“, sage ich. Wutanfall ist vielleicht übertrieben, wenn ich an mich denke. Ich empfinde schlicht nichts mehr für ihn. Fast nichts.

„Ich weiß. Für die bin ich ein verbohrter Sektenbruder, ein Charakterlump. Ich bin zu wild im Geist, so ungestüm wie die Säure und das Tannin in meinem Wein. Schroffheit ist im Paradieswein gespeichert, Kälte und Hitze. Schade, dass Martin nicht ans Fest gekommen ist. Ich hätte deinem Vater einen guten Vorschlag gemacht. Es war auch so ein schöner Abend. Danke, dass du mir in der Küche geholfen hast. Ich wusste, dass du kommst. Und jetzt stehe ich mit abgeschnittenen Hosen da, besser, ich liege, im dümms dümmsten Moment. Der Wein hält sich nicht an Arztvisiten. Es wird trotz alledem ein schöner Tropfen werden. Er wird seinem Namen Ehre antun und in den Kehlen versickern – der Pass ins Paradies. Ich lebe vom gleichen Boden wie die Trauben.“

Er fuchtelt mit den Händen. Der Wind schlägt an den Helikopter. Der Motor wirkt altersschwach. Wenn der Heli jetzt abstürzt? Ich kneife die Augen zusammen und meine ein Lächeln auf dem Gesicht des dicken Sanitäters zu erkennen.

„Beim Wein gibt es nur einen Philosophen, Flo, den Kirchturm: So weit du den Kirchturm siehst, so weit darf der Tropfen her sein, den du am Abend trinkst. Wenn du im Piemont bist oder im Tessin, dann zählt der Kirchturm dort. Auf einem Flusskilometer kannst du hier Welten erschmecken.“ 

Ach, Großvater Schneck, deine Gedanken tanzen umher wie Delphine im Meer. Die Anziehungskraft der Erde ist machtlos gegen dich. Ein Wimpernzucken genügt und der dicke Sanitäter verstummt.

„Achtzig Prozent des Weins macht der Rebberg aus. Dort oben bin ich der erste Zöllner. Ich beschränke mich auf die Konzentration am Stock, das weißt du. Die vierzigjährigen Stöcke sind meine besten. Das weißt du auch. Zwei Wochen vor der Lese durchschneide ich die Fruchtrute. Jedem Jahrgang liegt ein eigenes Gesetz inne. Wir liegen fünfzig Meter höher als die andern und reifen ein paar Tage später. Also haben wir noch etwas Zeit, nicht?“

Der dicke Sanitäter hält Großvater die Hand auf denMund. Er stößt sie kopfschüttelnd weg.

„Das Paradies liegt auf einem mächtigen Schuttkegel. Der Berg gleicht einem nach Süden gerichteten Hohlspiegel. Geschützt von der Fluh wird der Kessel zum Brutofen, wenn die Sonne einheizt. Trotzdem sind die Nächte kühl. Die Traube schrumpft nachts und pumpt sich tags wieder auf.“

Eine nasse Strähne rutscht ihm in die Stirn. Rußpartikel schwimmen seine Wangen hinunter. 

Ich sehe auf seinen Handrücken, auf die Sehnen, die den Handrücken durchziehen. Er hat keinen Ring an der Hand wie Mutter und Vater, er trägt eine Kette am Hals mit einer Muschel. Die Tröpfchen auf der Muschel sind so fein, dass sie schweben.

„Wenn die Narbe an meinem kleinen Finger schmerzt, wechselt das Wetter“, sagt er.

„Schmerzt sie?“

„Ja.“

Also hat Petrus keine Wahl. Morgen wird es regnen. Ich bohre meinen Daumennagel in die Haut. Ein kleiner Graben entsteht. Zwischen Großvater und mir gab es früher keinen Unterschied. Keiner verließ den andern. Keiner blieb zurück. Nur im Schlaf waren wir manchmal woanders. Der Schlaf kam bei mir von nirgendwoher. Er konnte hässlich sein.

BUCHVERNISSAGE «IN EINER UNMÖBLIERTEN NACHT»

26. April 2018, 19.30 Uhr, Kultur- und Sportzentrum Pratteln

 

Sehen Sie hier die Zusammenfassung von Kurt Suter, pratteln.net