Leseprobe «Mäandertal»

S. 218ff.

 

Ihm komme der Wolf in den Sinn, der in seinem ersten Forschungsjahr die Gegend unsicher machte. Im Verlaufe zweier Wochen habe er gegen 30 Schafe gerissen. Woher er kam, wusste niemand. Eine blutige Spur durch die Schafweiden im oberen Kantonsteil. Seit über hundert Jahren sei kein Wolf mehr gesichtet worden. Nur in den Namen halte sich die Erinnerung an das Tier: Wolfsloch, Wolfshag, Wolfgalgen. Eine allgemeine Hysterie. Er habe die Namen seinerzeit umrahmt auf der Karte. Die alten Karten über die neuen gelegt. Ein greiser Bauer wollte den Wolf bereits im Februar beim Einschlaghölzli gesehen haben. Ende April sei er ihm beim Hof Weidli wieder begegnet. Er habe es in der Wirtschaft erzählt. Geglaubt habe ihm keiner. Bereits vor über fünfhundert Jahren habe ein Wolf dort das Vieh angefallen, wie von Bremsen gestachelt kam er angerannt, hinter dem Wolfsgeheul der Hilfeschrei der Hirten. Mit Gabeln und Hacken seien die Bauern aufs Feld gelaufen, das Ungetüm zu erledigen, das sich mit wütenden Bissen wehrte, worauf etliche Gebissene das Gebrüll des Wolfs nachzuahmen begannen, in Tollwut gerieten und nach Tagen krepiert seien. Einige dieser Unglücklichen, so habe der Bauer gesagt, trieben diesen Wolfsgesang, lupinum carmen (das Latein aus seinem Mund habe ihn irritiert), einen Monat lang, bis sie starben. Der Satan sei wohl in diesem Wolfstier gewesen. Er, Hitz, habe versucht, hinter dem Zickzackkurs des Wolfs eine Strategie auszumachen. Er sei näher gekommen. Irgendwo leuchteten zwei Augen auf im Wald. Irrlichter, einmal hier, einmal dort, boshaft, verschlagen. Canis lupus, das Reich der Finsternis schien nah. Böser Wolf, flüsterten die Kinder. Die Spuren an den Opfern waren bestialisch. Drosselbisse, tiefe Schrunden auf den Rücken der gerissenen Tiere. Nachts legte man Kadaver aus. Der katholische Pfarrer stieg auf den Hochsitz, eine ganze Woche lang, das Gewehr im Anschlag, eine offene Flasche Rotwein zwischen den Beinen. Überreste eines angefressenen Hundes wurden entdeckt. In einem Schafgehege schlug er zu. Nur die Eingeweide blieben von den Jungtieren übrig. Die erwachsenen Tiere rissen panikartig den Zaun nieder. Dann, an einem Junitag, kurz vor Mitternacht, weit weg von hier, an der Kantonsgrenze: eine Unruhe im Wald. Immer wieder seien Rehe auf die Strasse getreten. Plötzlich, unhörbar, der Wolf im Lichtkegel einer Strassenlaterne, auf der geteerten Strasse, ganz nahe bei den Häusern. Auf der Rückkehr zum letzten Tatort. Blieb ruhig stehen und witterte. Das Zielfernrohr auf dem Hochsitz zitterte. Ein Schuss im Kaliber Magnum 223 aus der Stille in die Flanke des Tieres. Steife Ohren. Die Haare am Hals gesträubt. Von oben habe der Schütze gesichert, während sein Kollege auf den Wolf zugelaufen sei, der den Kopf nochmals hob. Rot die Zunge im Maul. Mit der Schrotflinte bekam er aus zwanzig Metern Distanz den letzten Schuss. Im Sterben liess er Kot fallen, an dem Schafhaare hingen. Am nächsten Morgen bahrte man ihn auf einem Tisch vor der Dorfwirtschaft auf. Tannenzweige wurden unterlegt. Zwei Holzscheiter dienten als Kopfkissen. Das Radio verbreitete die Kunde stündlich. Der Zulauf war gross. Die Jäger posierten fürs Fernsehen, rissen dem Wolf die Schnauze auf. Woher kam das Tier?

 

Am Abend wurde es eingepackt und in ein Tierspital gefahren, auf Tollwut untersucht und ausgestopft. Für die meisten Menschen war die Angelegenheit damit erledigt. Aber er gehe im Zoo mit den Kindern seither immer zu den Wölfen. Sie beobachteten sie beim Reissen der Ratten, betrachteten ihre Zähne. Die Macht des Wolfs sei in seinem Maul.

 

Einen Namen habe er nicht gehabt. Wolf genüge beim einzigen seines Fachs. Auch die Stelle im Wald sei namenlos geblieben.

BUCHVERNISSAGE «IN EINER UNMÖBLIERTEN NACHT»

26. April 2018, 19.30 Uhr, Kultur- und Sportzentrum Pratteln

 

Sehen Sie hier die Zusammenfassung von Kurt Suter, pratteln.net