Leseprobe «Das Land der letzten Meter»

S. 5ff.

 

Blau

 

Das Schild vorn bei der Brücke trägt vier Grossbuchstaben: GIER. Der Fluss glitzert schläfrig. Schweemholz hat sich in den Wurzeln der Böschung verkrallt, und die Luft über dem Wasser ist gefüllt mit dünnem Rauch. Die Fenster des Wagens, spaltweit offen, lassen Raum für ein leichtes Ziehen, das er hört in seinem linken Ohr, ohne es wirklich zu spüren, wie ein schwaches Läuten. Er ist angekommen in diesem Tal. Wann. Vor einem Tag? Zwei? Was soll’s. Was er braucht, hat er bei sich. Er hat das Auto so parkiert, dass die Sonnenstrahlen am Morgen auf sein Nachtlager fallen.

Auf dem Beifahrersitz breitet er eine kleine Weltkarte der Firma Stiefel aus, überschrieben mit DIE ERDE. Wenn er die Hand dreimal spreizt, hat er die Welt umspannt. Der Weg nach Pattaya führt unter dem Himalaya hindurch, eine Strecke wie alle andern, vollgesät mit Spuren, die meisten unsichtbar.

Vor ihm, am Ufer, steht ein plattnasiger Kahn, aus dem dünne Grasbüschel wachsen. Er hat faule Bretter aus den Laderäumen gerissen, die beiden Stützen am Wagen hinuntergeklappt und unterlegt mit den Planken des Bootes, das Volierendach seitwärts mit zwei Stangen fixiert und die Teile mit Lederriemen zusammengebunden.

 

Mit den Handballen fährt er über die Schläfen, in denen es hämmert, in die Augen hinein, hinunter ins Genick. Sieben Tauben sind ihm geblieben, struppige Federviecher, als er sie einfing zu Hause zwischen den Trümmern des Schlages, wie Batteriehühner in einer Dauermauser, mit einer Staubkruste auf dem Rücken und dreivierteltot. Aber Eier werden sie legen, und aus jedem Ei wird ein Sieger schlüpfen, der leicht in der Hand liegt, ein Vorausflieger mit Muskeln wie Gummischläuche. Aufs Rundwerden kommt’s an.

 

Durchs Guckfenster hält er die Hand flach ausgestreckt nach hinten, eine Erdnuss im Handballen. «Püppchen», lockt er die Goldene. Eine Ausstrahlung geht von der aus, wenn sie badet in der Sonne. Die macht alle verrückt. Gold hat sie noch immer in den Federn und lässt es jeden fühlen. Sie fliegt stets im Hochzeitskleid, das kleine Luder, und ist doch unverheiratet, fliegt und verliert ihre Liebhaber, einen nach dem andern. «Mein Püppchen!»

 

Er legt eine zweite Erdnuss auf seine Unterlippe und spürt den Schnabel der Taube, ihren Puls an seiner Wange. Zwischen den Rippenvertiefungen sind ihre Lungen eingebettet wie hohe Kästen in der Stube, dicht an der Rückenwand. Kanäle zweigen davon ab, die sich in immer feinere Gänge verästeln, die Luft in enge Berührung bringen mit den Blutgefässen. Neun Luftsäcke hat die Goldene für den Notfall, dünnwandig, elastisch, häutig. Nur die Taube, die alles füllen kann, soll fliegen.

Sieben Vögel hat er noch, vier Witwer und drei Weibchen, struppig vielleicht, mit Blutkielen in den neuen Federn. Doch ihre Endschwingen sind schmal geschnitten, Weitflieger allesamt, die den Rhythmus von klein auf kennen: Korb, Flug und schnelles Einspringen. Langstreckler, vertraut mit der Nacht, hochmotiviert und paarig, mit einem Gedächtnis durch alle Zeit. Sturzflieger, die alles riskieren. Wer so lebt, Tag für Tag, übersieht keine Einzelheit.

 

Ruhig sitzt die Goldene auf seiner Schulter. Es gibt den Augenblick, wo sie hoch am Himmel ihren Sturzflug beginnt. Er hat das tausendmal beobachtet: wie sie die Flügel an den Körper presst, den Schnabel einen Hauchweit offen, und der Körper wirft einen Schweif von Licht, wie sie den Aufprall auffängt im allerletzten Moment, ein weisser Punkt im Auge, die Schwingen eine Orgel. Es sind wenige, die das können: Geschichten in die Luft schreiben wie glänzende Kristalle. Der Merckx war einer, der Antigon, der Komet. Die Goldene vor allen. Sie schimmert voller seltsamer Abenteuer. Schleier hat sie an den Flügeln, blaues Feuer, wenn sie landet und Gischt aufstiebt ins Licht, Schleier, durch die blass und dünstig der Himmel fällt, die weisse Sonne, der Schwanz ein schwarzer Fächer im Gegenlicht, in metallenes Grau ausgreifend.

 

Die Goldene vor allen. Manchmal öffnet sie den Schnabel und bewegt sich nicht.

BUCHVERNISSAGE «IN EINER UNMÖBLIERTEN NACHT»

26. April 2018, 19.30 Uhr, Kultur- und Sportzentrum Pratteln

 

Sehen Sie hier die Zusammenfassung von Kurt Suter, pratteln.net