Leseprobe «Wie küsst man einen Engel?»

Um den heftigsten Zahnschmerz zu stillen,
genügt es den mittelsten Wipfel
einer Holunderstaude herunterzubiegen.
F. J. Vonbun

 

Erste Untersuchung, gründlich

Der Boden zitterte. Ein schwaches Rumpeln folgte, ein kurzes Gepolter, als habe im unteren Stock jemand eine Teppichrolle fallen lassen. 06.38. Das Bad war dampfverhangen. Der Wind zerrte an den Lamellen meines Fensterstorens. Ich inspizierte die Wohnung. Schäden registrierte ich keine. Doch mein altes Schaukelpferd, ein unbemaltes Tier aus Holz mit Spitzohren und bauschigem Schwanz, hatte sich bewegt: Der Blumentopf auf seiner kleinen Sitzfläche war gegen die Mähne gerutscht.

 

Ich wählte die Nummer der Polizei. «Ein Vorbeben», meldete ich dem Beamten am Apparat, «die Erdkruste ist ein Flickenteppich. Die Flicken bewegen sich ständig. – Weitere Stöße sind nicht unwahrscheinlich.» Der Herr wirkte eher erheitert als bekümmert. «Außer Ihnen hat sich bislang niemand gemeldet», sagte er.

 

Mich irritierte die Koinzidenz. Schließlich war es kein gewöhnlicher Tag. Ich hatte meine karierte Unterhose bereitgelegt, dazu die blauen Socken aus Estland mit den aufgestickten Elchen.

Nach Frühstück war mir nicht zumute. Mein Zahnfleisch war dick geschwollen. Ich begnügte mich mit einer Tasse kalter Milch – durchmischt mit eitriger Flüssigkeit.

 

Mit aller Sorgfalt schnitt ich anschließend meine Fingernägel und entleerte den Darm.

In den letzten Wochen hatte sich meine Mundhöhle endgültig in einen Vorraum der Hölle verwandelt. Ich war ein zahnlückiges Wesen voller Fisteln. Bereits das Zuschnappen des Kiefers wurde mir zur Tortur.

 

Mein Zahnarzttermin war auf zehn Uhr fixiert. Vorher wollte ich noch den christlichen Buchladen besuchen. Er lag nicht weit von der Praxis. Das Gebäude befand sich in einem jammervollen Zustand. Es schrie förmlich nach einer Sanierung.

 

Auf dem Büro hatte ich mich nicht abgemeldet. Ich wäre einfach den ganzen Morgen auf Inspektionstour. Daran war nichts Außergewöhnliches. Ich hatte mich entschieden, meine Zahnbehandlung unter Ausschluss von Zeugen durchzuführen. Bis auf Mama war mir das gelungen.

 

Ich nahm Nick an die Leine. «Du kommst mit», sagte ich. «Man weiß ja nie.» Er wedelte begeistert.

Die Straße, an der ich wohnte, war keine zweihundert Meter lang. Es gab hier kein Kino, kein Restaurant, keinen Baum, nur Parkplätze und ein paar Rabatten, in denen die Tulpen Kopf an Kopf standen. Die Temperatur war keineswegs frühlingshaft. Ein böiger Westwind fuhr mir in die Seite. Ich bewegte mich in der Straßenmitte. Mein Gang war schleppend, der Körper verschimmelt und vergiftet bis in die Zehenspitzen, die Fußenden notdürftig mit Blut versorgt und scheinbar ohne Sauerstoff.

 

Eine graue Dunstglocke hielt den Rhein unter Quarantäne. Fast geisterhaft schaukelte die St. Alban-Fähre am anderen Ufer. Alle paar Meter blieb ich am Mühlenberg stehen und japste nach Luft. Die stramm sitzende Hose empfand ich als Grausamkeit.

 

Nach einer kleinen Ewigkeit stand ich vor dem Kunstmuseum, dem ersten Gebäude, für das ich eine Risikoeinschätzung vorgenommen hatte. Durchs Eingangsportal sah ich geraume Zeit den Putzfrauen zu, die Bahn für Bahn die Plattenreihen des Innenhofs reinigten in immer gleicher, gekrümmter und leicht gebückter Stellung. Woher nahmen sie die Kraft?

 

Mit dem Tram fuhr ich zum Burgfelderplatz. Unter einem zunehmend lehmigen Himmel ging ich weiter durch die Missionsstrasse, schaute in die Fenster billig gebauter Mehrfamilienhäuser, in diese kleinen, unbeabsichtigten Ausstellungen des Lebens hinter Gardinen: eine spitzblättrige Zimmerpflanze, ein Kerzenhalter, ein Körbchen mit Früchten. Auf einem Sims wuchs Löwenzahn aus einem Blumentopf. Parabolantennen leuchteten auf den Balkonen über mir.

 

An dieser Straße standen ein paar meiner Heiligtümer – geheime Kathedralen, Ecken, Hauseingänge. Dahinter breiteten sich graue Decken aus, von denen gelbliche Glühbirnen baumelten, und die Wände waren übersät mit Inschriften und Zeichnungen.

 

Die Straße lag auf meiner Karte in der roten, besonders gefährdeten Zone. Ich hatte diese Häuser in den vergangenen Wochen fast täglich besucht, hatte fremde Seife gerochen und die Hände mehr als einmal an verdächtigen Handtüchern getrocknet. Es waren einsame Orte der Treulosigkeit und Verzweiflung, aber ich mochte sie, weil es Menschen gab, die sie immer noch beschützten, wie auch ich sie ja beschützen wollte. Entfernen Sie das glasgerahmte Bild über dem Bett, hatte ich unlängst eine schwangere Frau ermahnt. Es könnte Sie im Schlaf erschlagen. Sie hatte mich verständnislos angesehen. Passieren Sie keinesfalls den Trümmerschatten von Gebäuden, hatte ich ihr zum Abschied geraten.

 

Mein Auftrag war nicht gebunden an feste Termine. Das Projekt hatte Pioniercharakter. Nicht selten stand ich eine Viertelstunde vor einer Häuserreihe, bevor ich klingelte. Manchmal hörte ich Musik. Ich hatte keine Ahnung, woher sie kam. Sie war einfach da in meinem Kopf. Ich knipste meine Häuser – mit oder ohne Kamera. Stellte die Augen scharf und drückte im richtigen Moment ab. Das Album in meinem Kopf wuchs mit jeder Erdumdrehung. Es enthielt Gleise, über die Gifttransporte donnerten, Gasleitungen, Museen, Spitäler, Chemiebauten und gedrängte Häuserzeilen wie diese. Wo die Erde einmal gebebt hat, bebt sie wieder. Zwanzig Prozent der Bausubstanz wären verloren, fünf Prozent der Häuser würden einstürzen, sämtliche Gebäude trügen Schäden davon, wenn sich der Schrecken von 1356 wiederholte. Aber die Rechnung hatte viele Unbekannte. Sie hing auch ab von der Tageszeit.

 

Im Schaufenster des christlichen Buchladens lag ein Plüschäffchen. Die Gestelle hinter den Gardinen waren leer. Nick band ich an der Verkehrstafel vor der Vitrine an, wo er sich seelenruhig auf den Boden legte. Ich läutete.

 

In diesem Moment rumorte es hinter mir. Nick hatte sich am Absatz einer Frau festgebissen und sie kopfüber zu Fall gebracht. Ich schrie ihn an: «Piss off!» Als wäre nichts geschehen, trottete er wieder zu seinem Pfosten und beschnupperte ihn mit gefurchter Stirn. Umgehend half ich der Frau auf die Beine. Ein winziges, aschfahles Mütterlein, fast ohne Gewicht, das intensiv nach Maiglöckchen roch und ein himmelblaues Hütchen trug. «Der tut sonst nichts», schwor ich. «Er hat so etwas noch nie getan, Ehrenwort. Kein Postbote, kein Zeitungsverträger, kein Kehrichtmann ist ihm je in die Schnauze geraten.» Das Mütterlein war sprachlos in seiner Angst. Für alle Fälle händigte ich ihm meine Visitenkarte aus.

 

Ich drückte die Klingel ein zweites Mal. Im Buchladen blieb es totenstill. Befand sich der Besitzer bereits unterwegs ins Gelobte Land? Ich hinterließ meine Visitenkarte auch im Briefkasten: Bitte melden (dringend). Das Erdgeschoß war viel zu schwach ausgesteift. Ein Totalschaden wäre im Ernstfall unvermeidlich.

 

Es nieselte jetzt. Auf einem Plakat stand: good luck. Vor einem Schuhladen verteilten Verkäuferinnen Ballons. Die Straße begann mir zu zerfließen in ein sanft gewelltes, graues Meer. In einer Stunde würde ich meine Lotterzähne präsentieren, einen nach dem andern, mit Stumpf und Stiel.

 

Ein Skateborder schlängelte sich zwischen mir und der faltigen Fassade durch. Aus einem Hauseingang flüsterte mir eine schwarze Frau zu: «Voulez-vous un rendez-vous?» Sie war kaum geschminkt, und in ihrem Blick lag etwas ernsthaft Abwartendes. Es fiel mir schwer, geradeaus zu gehen. Das Kiefergelenk schien mir gänzlich aus seiner früheren Lage gezogen. Also flüchtete ich mich erneut ins Tram.

 

Kurz schloss ich die Augen. Ich hatte mich entschieden. Besser: Mama hatte für mich entschieden. Es gab in dieser Stadt mehrere Dutzend Unternehmen, die zahnärztliche Bedarfsartikel herstellten, diverse zahntechnische Laboratorien, Ateliers für Express-Gebissreparaturen und Dentaldesign, Spezialisten für Totalprothesen und Zahnprothesenreinigungsdienste. Und es gab 175 Zahnärztinnen und -ärzte, von denen in meinem akuten Fall genau einer in Frage kam: der Herr Professor persönlich.

 

In meinen Träumen hatte ich diesen Herrn in den vergangenen Wochen mehrmals umgebracht, vorzugsweise in einem Schlauchboot unterhalb der Kraftwerkschleuse. Ich hatte ihm mit einem Hammer den Schädel eingedonnert, ihn anschließend in einen mit Steinen beschwerten Jutesack gesteckt – eine lautlose Angelegenheit. Dann war ich ans Ufer gerudert und hatte die Luft aus dem Boot gelassen. Einmal hatte ich ihn auch vergiftet. Pilze. Aber keine Angst, Herr Professor, der Patient Müller ist ein durch und durch harmloser Mensch.

 

Als ich beim Spalentor ausstieg, prasselte der Regen mit größter Wucht auf meinen Schirm. Innert Minuten stand die Stadt knöcheltief unter Wasser. Noch blieb mir eine Viertelstunde. So quälte ich mich über den Petersplatz. Ein Spaziergänger streckte mir eine Spritze entgegen: «Da! Noch Blut dran! Sicher diese Schwulenseuche!» Schulterzuckend zog ich weiter. Unter einer Pfütze breitete sich ein Spätfrühlingsteppich von Löwenzahn und Maßliebchen aus.

 

Nein, es gab kein Zurück. Ich band Nick beim Klinikeingang ans Geländer. Er jaulte still vor sich hin, als ich im Treppenlift verschwand.

 

Vor der Tür putzte ich mir die Nase gründlich und klingelte. Diesmal musste ich nicht lange warten. Als ich über der Schwelle war, wich alle Erregung von mir. Ich war am zivilisiertesten Ort der Welt. Frisch gestrichen wie eine Hinrichtungskammer.

 

Ohne die Spur eines Zögerns meldete ich mich an: «Müller, Jonas.» Die Dame beim Empfang schüttelte vorwurfsvoll ihr in der Mitte gescheiteltes Haupt. Mit dem Zeigefinger fuhr sie über all die Namen in ihrer grauen Agenda, bis sie auf meinen stieß. Na also. Ich hatte meinen festen Platz in der Bibel dieses Hauses.

 

«Zu uns kommen praktisch nur ältere Leute, die Prothesen, Kronen oder Brücken benötigen», erklärte die Dame.

 

«So etwas brauche ich auch», erwiderte ich spontan. Mit einem Schlag war mir klar: Ich wollte kein Flickwerk. Nur eine radikale Lösung kam in Frage. Ein Neuanfang. Warum war mir das nicht früher eingefallen? Eine mittelalterliche Darstellung tauchte vor meinen Augen auf – de terraemotibus Basileae factis. Die Häuser standen und lagen kreuz und quer in einer langen, schräg abfallenden Reihe. Sah mein Gebiss nicht gleich aus? Die Eckzähne gebogene Kirchturmspitzen?

 

Mein Fräulein lachte schallend. «Hygiene ist die Lehre von der Erhaltung und Förderung der Gesundheit. Es gibt Umwelt-, Sozial-, Psychohygiene – und es gibt Mundhygiene.»

Sie redete wie meine Mutter. Der Tag war eine einzige Lektion in Sauberkeit. Sie nahm das Gipsmodell eines Ober- und Unterkiefers in die linke Hand und eine Zahnbürste in die rechte. Das Licht von oben wurde grünlich. Ich schloss die Augen. Schlanke, hohe Bäume sah ich vor mir, um die sich Lianen rankten, und der Schragen schwankte sanft, als läge ich zuoberst in einer Astgabel.

«Die Reinigung des Gebisses gehört zur täglichen Körperpflege», hörte ich das Fräulein durch das Baumgewirr rufen.

 

In meiner Nasenhöhle sind alle feinen Härchen auf Sie gerichtet, mein Fräulein. Wie viel Mühe sich der Mensch doch gibt, nicht nach Mensch zu riechen. Was für ein aufreizendes Gleichgewicht zwischen dem Geruch Ihrer Haut und dem fremden Geruch des Shampoos auf Ihrer Kopfhaut.

«Mund auf, bitte, Herr Müller!»

 

Es kitzelte hinten am Halszäpfchen. Eine spitze Hakensonde riss mich blutig. Gleichzeitig verlor ich die Kontrolle über meine Zunge. Sie bewegte sich von selbst und wuchs dabei, saugte die Sonde an. Speichel überschwemmte meinen Mund. Und je mehr ich daran dachte, desto ungehemmter floss er.

 

«Ich mache jetzt ein paar Röntgenaufnahmen», sagte das Fräulein. «Die Zähne locker zusammenpressen und nicht bewegen.»

 

Für einmal schien sie ganz zufrieden. «Es dauert noch ein Momentchen, der Herr Professor ist gleich da.» Sie verschwand.

 

Meine Füße wurden unruhig. Ich glitt vom Schragen und stellte mich zwischen die beiden Höhlenbilder. Winzige Buckel, übersät mit glitzernden Partikeln. Schwingungen, die mich erschauern ließen. Pfiffe und Echos. Enorme Töne. Dampfende Löcher.

«Suchen Sie etwas?»

 

Der Professor stand massig vor mir. Überhastet streckte ich mich wieder aus. Er wuchs auf mich zu. Seine Hand war noch größer und fleischiger, als ich sie mir vorgestellt hatte. Das Gesicht quoll vor mir auf. Die Nase hatte unglaublich große Löcher, in denen dicke Haarbüschel steckten. Angst überwältigte mich. Aus den Nasenhaaren heraus schnaubte es. Alles war in eine Helle getaucht, wie ich sie noch nie erlebt hatte.

 

Wenn die Hölle tatsächlich mit Hitze zu tun hatte, dann war sie jetzt direkt unter mir, die dünne Haut des Schragens kein Schutz mehr. Ich kochte. Der Satz an der Tür, so viel war mir jetzt klar, war eine Falle: Mein Engel, geh du voran. Ich war von hoch gefallen. Kein Himmel. Keine Wolken. Keine Orgelpfeifen. Langsam rutschte ich vom Schragen weg. Niemand wusste, wo ich mich befand. Ich konnte hier krepieren, und kein Mensch würde es je erfahren. Ich war nicht einmal fähig, zu schreien.

 

Die dicken Brillengläser schienen Saugnäpfe zu haben. «Wie geht es Ihnen, Herr Müller?» Danke gut, danke schlecht? Ein bisschen Todesangst, eine Spur Müdigkeit, Mühe mit dem Lachen. War es das, was er meinte? «Ich lebe auf kleiner Flamme», sagte ich. Sein Gesicht sah mitgenommen aus. Der graue Schnurrbart hing kraftlos herunter. Den Augen fehlte jeder Glanz. Ich wartete auf eine Fortsetzung des Dialogs, doch er begann bereits seine Apparaturen auf mich einzustellen.

«Bitte den Mund weit öffnen!»

 

Meine Lippen waren bis zum Zerreißen gespannt. Unter jedem Zahn ein umgestülpter Trichter, aus dem kranke Luft strömte. Mit den Haken fuhr er in die Ritzen. Er schluckte, lockerte den Griff kurz und glitt in die Schwärze hinunter. Jetzt, da er unten aufsetzte, überrieselte es mich eisig. So weit war noch kein Mensch in mich vorgedrungen. Winziges Geröll in der Dunkelheit. Kiesel. Scharfkantiges. Widerhall. Was hing herunter? Was wuchs ihm entgegen? Er wühlte eine Ewigkeit und hob endlich die Hand so, als gäbe es keine Hand mehr in dieser Schwärze, zog die Handschuhe aus und befühlte seine Finger. Ich kenne das, mein Herr: wenn Fuß und Knöchel sich voneinander trennen. Sie laufen verkehrt und ohne Füße. Stürzen. Schlagen auf und rollen. Wasser. Überall Wasser. Sie schließen die Augen. So wie Kinder sich verstecken.

Ich presste die Hände an die Ohren. Nimm dich zusammen, redete ich mir zu, um Himmels Willen. War ich noch in Ordnung? Ein Gesetz, Herr Professor: nie allein in eine Höhle. Vater hat es oft gebrochen. Ein anderes Gesetz: Jemand muss von deiner Rückkehr wissen. Und: Nimm mehrere Lichtquellen mit. Spring nirgends ab. Aber wenn der Körper von selbst anfängt, loszurennen?

Die Bilder. Sie füllten mir plötzlich den ganzen Raum aus. Was war echt hier? Ich spürte den Flügelschlag einer Fledermaus. Hingen sie nicht zu Tausenden an der Decke? Der Druck auf meinen Augen. Es gibt Echos. Sie überlagern einander, kehren aus verschiedenen Richtungen und Hohlräumen zurück. Va – Va – Vater – Vat – er – Va. Im Finstern, mein Herr, sind fünfzehn Meter so groß wie fünfzehn Lichtjahre. Keine Tage, keine Nächte. Alles ausgeschaltet: Tastgefühl, Temperatur, Schwere. Der Körper ändert die Form. Steif und starr gegen außen. Und innen windet er sich wie ein Aal.

 

«Nochmals aufmachen! Und schön offen lassen, Herr Müller!»

 

Er sprach leidenschaftslos. Eine dunkle, schläfrige Stimme. «Bewegen Sie bitte den Unterkiefer, auch seitwärts.» Mit einem Stethoskop hörte er das Kiefergelenk ab.

 

Danach inspizierte er Lippen, Zunge, Mundboden und Rachen. Schließlich fuhr er mit der Hakensonde nochmals von Zahn zu Zahn. Probehalber versetzte er mehreren Zähnen einen Stromstoß. Ich fühlte nichts. Einzig eine Träne kullerte mir über die linke Wange.

 

«Nicht alles so ernst nehmen, Herr Müller.» Das Fräulein beugte sich über mich. «Entspannen. Lassen Sie sich einfach gehen.» Ich bemühte mich doch. «Der Kiefer – ganz locker!» Alles verschraubt. «Denken Sie an Sonntag. – Denken Sie an nichts. Sie sind nicht wichtig, Herr Müller – wir machen alles für Sie.» Sie schüttelte mich an beiden Schultern. «Hören Sie mich? Sie können, wenn Sie wollen!»

 

Ich glühte. Das alles dauerte endlos. Ich hatte vergessen, wie man atmet, wie man schluckt, ich hechelte und spuckte, Tränen in den Augen, Luft im Hals, was knebelte, krümmte mich, ein höllischer Furz ging mir ab, der Bauch hart, der Mund unter Wasser, ich war verzweifelt bemüht, mich zusammenzuhalten.

 

Zweiunddreißig Flüsse, versuchte ich zu hauchen, zweiunddreißig Flüsse fließen in mir, unterhalb von Licht und Leben, mein Fräulein, ich muss Sie warnen, es gibt Abstrahlungen und vieles ist vom Einsturz bedroht. Man müsste sich besser absichern, alles glitschig, man tappt ins Ungewisse, die Luft reicht in dieser Tiefe nicht weit. Grünlich schimmernd hängen die Kalknasen an der Kieferdecke und sondern in unregelmäßigem Rhythmus Tropfen ab, die durchs Ohr klirren und ganze Gläser füllen. Ich hätte schreien müssen, um den Takt der Schläge zu übertönen, die in meine Wurzeln fuhren, mit Nachhall und scharf.

 

Tief in mir musste es einen unterirdischen See geben, unter meinem Nasenbein. Dort überwinterten Winzlinge, und ganz zuunterst lebten blinde Wesen. Sie nagten an meinen Wurzeln, man konnte sie kaum sehen, dazu brauchte es ein Wissen, welches das Fräulein mit seinen Gummihandschuhen nicht besaß.

 

«Sie haben viel zu lang gewartet», sagte der Professor. «Schlucken Sie diese Tablette. Sie wirkt entkrampfend.»

 

Tatsächlich wirkte die Tablette fast sofort. Ich verschwand in einem Wattebad. Wärme machte sich breit und eine tröstliche Ruhe.

 

«Ganz weit aufmachen und einfach offen lassen.»

BUCHVERNISSAGE «IN EINER UNMÖBLIERTEN NACHT»

26. April 2018, 19.30 Uhr, Kultur- und Sportzentrum Pratteln

 

Sehen Sie hier die Zusammenfassung von Kurt Suter, pratteln.net