Pressestimmen

Geschichten wie Denksportaufgaben

Nichts ist selbstverständlich in diesen Texten, aber wer sich darauf einlässt, vergisst sie nicht so schnell wieder.

 

Er fügt sich mit nichts in die gängigen Trends ein, der Baselbieter Schriftsteller und Flurnamenforscher Markus Ramseier. Akribisch sprachbewusst, verachtet er jede Geschwätzigkeit und gibt von seinen Figuren und Geschichten nur preis, was nicht zu umgehen ist. Sodass sich seine Geschichten zuweilen wie Denksportaufgaben lesen, bei denen wir zuerst herausfinden müssen, um wen und um was es überhaupt geht, um uns dann über das, was erzählt wird, unseren eigenen, mit der Intention des Verfassers nicht unbedingt deckungsgleichen Reim zu machen.

Das war im 2004 erschienenen ersten Erzählband, «Löcher», so, der den Leser schon im Titel dazu aufforderte, mit eigener Fantasie zu füllen, was der Autor weggelassen hat, und das ist in Ramseiers neuesten Geschichten nicht anders – bloss um eine Stufe vertrackter, abgründiger und mysteriöser vielleicht. «Licht» heisst der Band, mit einem irritierenden weissen Fleck von Buchdesigner Stephan Bundi auf dem Cover und einem Motto auf der Rückseite, das von Bettina von Arnim stammt und sehr schön andeutet, wie die Texte gestimmt sind: «Was sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht.»

 

Eine Blinde, ein Killer

Es gibt einen Text in dem Band, der das Motto ganz genau umsetzt: jener, der mit den Worten «Auf der Schwelle denkt sie...» beginnt und einen Tag aus der Optik einer Frau beschreibt, von der wir erst allmählich erfahren, dass sie blind ist und dass all ihre Anstrengungen darauf gerichtet sind, die Bilder und Farben festzuhalten, die sich ihr vor der Erblindung eingeprägt haben. Was aber nicht heissen will, dass sie sich mit ihrer Situation nicht ausgesöhnt hat, denn wenn sie einen Wunsch frei hätte, «würde sie in Frankreich Düfte studieren». Direkt auf das Licht Bezug nimmt auch der erste Text des Bandes, dessen Protagonist einen hebräischen Namen trägt, der auf Deutsch «Der das Licht anzündet» heisst. Es ist das virtuos verschlüsselte Psychogramm eines Killers, der wegen Raub und Mord in einem israelischen Gefängnis einsitzt. Er empfindet keine Reue und ist in seinem Denken vollkommen extrem. Nachdem er einmal in seinem Leben den Himmel gestreift hat – eine ekstatische Liebesszene mit Hanna, der Mutter seines Sohnes, in der Toilette eines Flugzeugs –, ist er bereit, «auf dem Grund zu zerschellen». Die Geschichte umfasst nicht mal neun Seiten, aber am Ende meint man, einen hundertseitigen Roman gelesen zu haben, so dicht, vielschichtig und geheimnisvoll mutet sie an.

 

Auf der Schattenseite

Nicht nur für diese beiden, für fast alle Texte des Bandes ist jene dunkle, verschattete, sonnenferne Atmosphäre charakteristisch, die das Motto mit «lichtlos» anspricht. Eine ganze Reihe von ihnen spielt in einem Heim für psychisch Behinderte oder handelt von Menschen, die sich auf irgendeine Weise sonderbar vom Verhalten ihrer Mitmenschen abheben. Da dreht eine Frau im Einkaufszentrum durch; kann eine andere ihrem Mann ihre Wärme erst schenken, als er tot ist; findet ein alter Mann einzig noch an seinem Hund einen Gesprächspartner und sterben zwei Zwillinge termingemäss ihren «Zwillings-Domino-Tod».Ganz aus der Optik eines Kindes heraus wird der Alltag in einer Ehe zwischen zwei geistig Behinderten nachvollziehbar gemacht, begleiten wir einen alternden Schweizer in ein Land Osteuropas, wo er sich mit seinen Ersparnissen als grosszügiger Entwicklungshelfer Sympathien und ein neues Eheglück kauft, erleben wir hautnah, wie es ist, wenn eine Therapeutin einen geistig behinderten 16-Jährigen zu betreuen hat, und unversehens tauchen wir ein in die Welt eines Heims, in dem fanatische religiöse Riten die Insassen an die Grenzen des Wahnsinns treiben. Und schliesslich sind wir noch dabei, wenn ein supercooler, nach der Methode «Viel Geld, viel Liebe, viel Spass» lebender, hundertprozentig effizienter Manager während des obligaten Engadiner Marathons plötzlich aus dem «Gewoge» ausbricht, zurückbleibt und auf dem Eis des Silsersees – so eine mögliche Deutung – den Verstand verliert. Ramseier führt aber nicht nur die schöne neue Manager-Welt, sondern auch den aktuellen Literaturbetrieb ad absurdum. In «Über der Altstadt», dem mit Abstand witzigsten Text des Bandes, lässt er Dichter aus allen Himmelsrichtungen in einer Irrenanstalt zu einem Wettlesen zusammenkommen, das Klagenfurt, Slam Poetry, Wimbledon und Miss-Schweiz-Wahl wild durcheinandermischt und mit einer chaotischen Prügelorgie endet.Eine Persiflage wie diese ist aber eher die Ausnahme in dem Band, der einen vor allem mit seinen leisen Tönen für sich einnimmt und der eine ganze Reihe von Texten enthält, denen man auch nach mehrmaligem Lesen nicht wirklich auf die Schliche kommt. Abweichungen von der Norm, Kuriositäten und Seltsamkeiten, denen man noch lange und erregt nachsinnt, als brächte ihre Aufhellung zugleich auch Licht in die Rätselhaftigkeit der eigenen Existenz.

Charles Linsmayer, Der Bund, 2.10.2009

 

 

55 Schicksale im Suchscheinwerfer

Markus Ramseier, Schriftsteller und Leiter des Dichter- und Stadtmuseums Liestal, wirft ein besonderes Licht auf Aussenseiter.

 

«Alles war hell, getaucht in Lügen, Licht und Liebe»: Der Satz – ein typischer Ramseier-Satz – soll die Wahrnehmung eines biederen Schweizer Bankbeamten umschreiben. Nach vier Jahrzehnten Karriere, Ehe und Wohlstand ist er aus dieser «ganz anderen Verlogenheit» ausgebrochen, um in einem armen, diktatorisch regierten und zutiefst korrupten Land irgendwo im Osten eine neue Existenz aufzubauen.

Der Bankenmensch wird hier immer ein Fremder bleiben, auch wenn er schnell begriffen hat, dass es nicht genügt, Uhren zu verschenken, sondern dass man diese auch noch in Dollarscheine einwickeln muss. Er wird möglicherweise als Hotelunternehmer scheitern, vielleicht auch als Ehemann, aber er wird sein schwieriges Dasein ebenso annehmen wie jener Jan, der sich nach einer schmerzhaften Ganzkörper-Tätowierung von seiner Umwelt isoliert findet und sich dennoch am Flussufer von «der Sonne trocknen liess ... wie jemand, der schon immer dagesessen hatte.

KNAPP. 55 Texte vereinigt Ramseiers schmaler Erzählband. Die meisten füllen kaum eine halbe Seite und umschreiben aufs Knappste eine menschliche (Rand-)Existenz. Andere holen weiter aus, deuten Spuren von Vorgeschichte, Entwicklung an. Fast immer geht es um Aussenseiter, Ausgegrenzte, Benachteiligte. Gleich, ob sie durch ein unfreundliches Schicksal oder aus eigenem Entschluss dazu geworfen sind – sie leben abseits der gesellschaftlichen Normen, aber in überraschender Harmonie mit sich selber. Sogar ein im Abfall wühlender Gnom kann sagen: «Von Schwachköpfen angehimmelt zu werden ... ist noch kein Grund, an sich zu verzweifeln.»

So stellt sich die Frage, wer hier nun eigentlich «gesund» und «normal» ist – der Grübler, der «den lautlosen Flug des Waldkauzes hören» kann oder die Stammgäste, die ihn als «lebendes Fossil» bezeichnen.

Licht ist eine zentrale Metapher in diesen Texten – und eine doppeldeutige dazu: Die Hauptfigur der Eingangsgeschichte heisst Yair («der das Licht anzündet»). Tatsächlich aber hat Yair einem andern das Lebenslicht ausgeblasen, und dafür büsst er nun in einem israelischen Gefängnis, wo seine Aufgabe darin besteht, für seine Mitgefangenen jeweils am Morgen das Licht anzuzünden. In einer der letzten Geschichten dagegen heisst es von dem erfolgsverwöhnten Geschäfts- und Sportsmann Leu, der auf dem Eis bei Maloja plötzlich zusammenbricht: «Als der See unter seinem Ohr dunkel zu tönen begann, glaubte er zu verbluten vor Glück.»

Ramseier erfasst all diese Existenzen, den eingebildeten «Scheriff», das debile Kind, das unter religiösem Wahn lebende Mädchen, mit Sätzen und Bildern von starker Konzentration, die Raum lässt für Doppeldeutigkeit, Ironie und gelegentlich auch hintergründigen Humor: Genauestens studiert die Fischerin Maria die Lock-, Saug- und Speibewegungen ihrer Beutetiere, so das sie «bald mehr Fische am Haken hat als ihre männlichen Kollegen. Doch wuchs mit dem Erfolg ihr Ekel vor dem Küssen.»

Valentin Herzog, Basler Zeitung, 30.10.2009

 

 

Einen Augenblick ins Licht gestellt

«Daheim war seine Hässlichkeit kein Thema. Seine Frau war ja auch hässlich. Beide wirkten sie stachelig und waren sich dessen bewusst. Aber es gab ein stachelfreies Feld, das nur sie kannten. Dicht aneinander gekuschelt schliefen sie Nacht für Nacht darauf ein.»

Dies ist eine der ganz kurzen Erzählungen aus «Licht». Es gibt auch längere und komplexere Storys in diesem Buch, aber die lakonische Schönheit und der trostreiche Witz dieses Texts zeigt deutlich die Qualität dieser Geschichten. Aussenseiter und Beschädigte, aber auch gewöhnliche Menschen werden vom Autor für einen Augenblick oder ein bisschen länger ins Licht gestellt. In dieser Zeit erfährt man von merkwürdigen Lebensgeschichten, von Liebe und Hass, von Lügen und Wahrheiten.

Markus Ramseier, 1955 geboren, lebt in der Nähe von Basel und ist auch Spezialist für Flurnamenforschung, das heisst, er erforscht die spezielle Herkunft von Namen markanter Punkte in der hiesigen Landschaft. Dieser besondere Zugang zum Wort zeigt sich öfters in den originellen Wendungen in seinen Geschichten.

Wolfgang Bortlik, 20Minuten, 3.11.2009

 

 

Ins Licht geholt

Die neuen Geschichten im Band «Licht» von Markus Ramseier werfen kurze, intensive Blicke auf Kinder, Alte und Aussenseiter.

 

Auf dem schwarzen Umschlag eine weisse Scheibe, umgeben von acht sehr dünnen, verschiedenfarbigen Kreisen. Ein sauber gesäumter Fleck? Oder doch ein Loch? «Licht» heisst das Buch, und es enthält neue Prosastücke von Markus Ramseier, die tatsächlich Einblicke sind; auf eine Leere allerdings verweisen sie nicht. Im Gegenteil; das, was wir gezeigt bekommen, ist voll mit Leben – auch wenn das oft nicht hell ist.

55 Texte sind es. Ein Dutzend sind ein paar Seiten lang, der grosse Rest sind Kürzestgeschichten. Die Abfolge ergibt sich aus dem alphabetischen Aufreihen der ersten Wörter: eine Zufallswahl, die dem schweifenden Blick entspricht, der den zumeist allwissenden Erzähler angetrieben haben mag. Er beschreibt, was ihm begegnet; lauter einzelne Figuren, scharf konturiert. Alte, Junge, Aussenseiter und ihre Wünsche und Begrenztheiten. Die blinde Frau, die durch die Stadt geht, um ein neues Glasauge zu kaufen. Das gerade schulpflichtige Kind mongoloider Eltern, das sehr vernünftig sein muss. Der «General» der es zu Hause, im Frieden, wo «alles funktioniert», nicht aushält. Die Frau, die sich durch das Kleid auszeichnet, das sie unerbittlich zu Ende trägt, oder der Museumswärter, der selbst schon zum Ausstellungsgut gehört.

RAMSEIERS TEXTE bemühen sich dabei – anders als Adelheid Duvanels Geschichten etwa – um soziale und psychologische Begründungen. Und sie werden – anders als Peter Bichsels Skizzen – gelegentlich auch ironisch. In der Beschreibung der putzsüchtigen «Frau Holle» zum Beispiel ist die Ironie nicht zu überlesen, und schon gar nicht im Text über den skurrilen Laiendichter-Wettstreit. Die Texte des Baselbieter Autors, Flurnamenforschers und Leiters des Liestaler Stadt- und Dichtermuseums, sind weniger einem poetologischen Programm verpflichtet als der Wachheit und Berührbarkeit des Verfassers.

Markus Ramseier ist ein gewissenhafter Beobachter, seine Texte sind dicht und detailliert, souverän und empfindsam. Die neue Sammlung belegt das kontinuierliche literarische Schaffen dieses «Nischengängers», das bisher zu drei Romanen und einem Erzählband geführt hat. Sie enthält deshalb zu Recht einige schon publizierte und ausgezeichnete Texte – unter anderem meinen Lieblingstext, den vom Grossvater, der kurz vor seinem Tod dem Enkel, der «Fussballbrofi» werden will, zwischen den Blumenbeeten den «Fallrüggzier» beibringt. Hier liegen Glück und Trauer, Alltag und Schicksal ganz beiläufig direkt nebeneinander.

Verena Stässinger, Mittelland Zeitung/Basellandschaftliche Zeitung, 4.11.2009

 

 

Texte als Denksportaufgaben

Der Andrang an der Buchtaufe war riesig und ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Publikum nach dem ersten Geschichtenband «Löcher» vom Prattler Autor eine Fortsetzung erwartet – und nun mit «Licht» auch bekommen hat.

 

Die erste Geschichte, die Ramseier vorliest, ist sinnigerweise auch die letzte in seinem Buch. Sie widerspiegelt phantasiereich die eigene Kindheit, insbesondere die Erlebnis auf dem Weg in den Kindergarten und die Konfrontationen mit der «Hexe, die vorgag, eine Kindergärtnerin zu sein». Auch hier taucht das Licht auf. Denn die Hexe pflegte den zu spät zum Unterricht Erschienenen zur Strafe in die dunkle Besenkammer einzusperren und nahm ihm erst noch das Znüni weg. Am Schluss bleiben bewusst Fragen, die die Leserin oder der Leser selber beantworten muss. Nur so viel verrät der Autor dem Publikum: Viel hätte nicht gefehlt, und er wäre wegen dieser «Hexe» zum Verbrecher geworden … Später in der Schule habe er seine erste Lehrerin geliebt. Sie habe ihm Zeit gelassen, seine Welt und seine Wörter zu finden. (…)

Otto Gass, Oberbaselbieter Zeitung, 5.11.2009

 

 

Literaturstunde im kleinen Kreis

Kein kalkulierter Bildausschnitt, keine Blendenregelung, keine hektisch zuschnappende Verschlusszeit: Die Wirklichkeit fotografiert sich selbst, und der Mensch schaut dabei zu. Der Titel ist mehr als zutreffend für das Schreiben Markus Ramseiers. Auch er beobachtet ohne Filterung, lässt die Dinge kommen und gehen, wie sie wollen. Das Verfahren begünstigt den Blick für die Wahrnehmung der Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist. Der Autor ist mitfühlender Zuschauer, lässt sich aber nicht hineinziehen in das verhängnisvolle Geflecht aus Meinungen, Haltungen, vermeintlichen Sicherheiten. Das macht seine Sprache, seine Bilder transparent bis auf den Grund. Dass Ramseiers Weltsicht in diesen kleinen Texten vorwiegend ironisch tönt, sollte nicht missverstanden werden. Letztlich gilt das Lachen ihm selbst, seiner von so vielen Unwägbarkeiten behafteten Existenz in der Gattung des Homo sapiens. Die Wörter erschaffen seine ganze Welt, und er spielt mit ihnen bewundernswert genau und mit großer Liebe zum Detail. Alles kann ihm zur Erzählung werden - ein Lichtblick, ein Rhythmus, ein Lächeln auf der Straße. Ganze Geschichten entstehen oft nur aus einem Wort, seinem Klang, seiner Launigkeit, wenn man so will.

Die erste Geschichte, die Ramseier im PAF vortrug, handelte von seiner Kinderzeit, von den Jahren vor der Einschulung. Sie eröffnet den Blick in die Welt eines vierjährigen Kindes mit faszinierender Klarheit und Anschaulichkeit. Die Kinderworte werden zu Kieselsteinen, Schnecken, Abenteuern am Weg. Sie stehen für diese eigenartige Zone der zeitlosen Langsamkeit, die dem Kind Geborgenheit und Glück bedeutet. Der erwachsene Mann, bereits mitten in einer akademischen Karriere, wird eines Tages der Sehnsucht nach diesem «Reich der Worte» wieder nachgeben, schreiben, zufrieden sein mit dem Wenigen, das das Schreiben abwirft, einfach nur weiter spielen am Wegrand, geborgen in der kostbaren Erfahrung einer schöpferischen Sprachwelt. (...)

Die Sorge, dass man diese hoch verdichteten Miniaturen ohne zusätzliche Erläuterungen nicht verstehen könnte, ist ganz und gar grundlos. (...) Sie sprechen - sehr eindringlich - ohne jedes Zutun für sich selbst. Und sie werden von der Leserin, dem Zuhörer, ganz selbstverständlich und mit beträchtlichem Vergnügen im Stillen zu Ende erzählt.

Raimunf Kagerer, Kultur- und Stadtmagazin 2xRheinfelden, März/April 2010

 

 

Im Schattenlicht

Es gibt Geschichten, die lassen manches offen: jene etwa von der zwölfjährigen Petra, die aus übersteigerter Gottesfutcht zurn Ungehorsam aufruft. Oder die kurze Passage von der Frau, die eine geklaute blumengemusterte Bluse heulend zerreisst. Dann gibt es Figuren in den Geschichten, die geben von ihrem Geheimnis gerade so viel preis, dass wir anfangen, über ihr Leben nachzudenken: über die junge Frau, die am Bug eines Schiffes steht, um an die Beerdigung ihres Grossvaters zu reisen. <Nur wer vorwärts fähd, kehrt zurick. Sie wird hinausschwimmen und tauchen, das Kleid für die Beerdigung erst anztehen, wenn die Glocken läuten.> Erst am Schluss erahnen wir den Zusammenhang zwischen dem Hinausschwimmen und dem toten Grossvater. Oder Jans Entscheidung, sich am ganzen Körper tätowieren zu lassen: Was bewegt den 'Weltreisenden, sich eine neue Identität zuzulegenl Dann ist da noch Yair, der dem Namen nach ein <von Gott Erleuchteter> ist. Nun sitzt er als reueloser Mörder im Gefängnis, einmal jedoch hat er <den Himmel gestreift> und in die Sonne gesehen.

In seinem neuen Erzählband <Licht> versammelt Markus Ramseier 55 Kurz- und Kürzestgeschichten, in denen das Licht oder die Helligkeit in unterschiedlichster Schattierung auftreten: Beim letzten Vollmond, den das Kind vor seiner Erl¡lindung sieht, in der Meerbrise am Schiffsbug, an einer sonnenverputzten Hauswand im Rebberg, auf einer Topfpflanze, die der Sonne entgegenwächst, oder in Sätzen, die mit wenigen Worten Dunkles erhellen.

Manchmal liegt das Licht im Verborgenen. Erzàhlt werden die Licht- und Schattenblicke anhand von Figuren und ihrem Dasein. In knappen biografischen Skizzen oder längeren Momentaufnahmen führt uns Ramseier zu diesen Menschen und ihren Leben hin. Es sind keine <Lichtgestalten>, denen wir begegnen. Die Protagonistlnnen sind allesamt irgendwie und irgendwo Versehrte - und fremd in der Welt, in der sie sich bewegen (müssen). So suchen sie ihren eigenen, zuweilen abgründigen, zuweilen einsamen.Weg. Ihre Eigenart macht sie zu spannenden Gestalten, ihre Geschichten sind unvorhersehbar, das Ende bleibt oft ungewiss.

Es sind denn mehrheitlich auch keine glatten, <hippen> und leichtfüssigen Erzählungen (Ausnahme: <Über der Altstadt>, eine witzige Persiflage auf den Klagenfurter Lesemarathon), die Ramseier präsentiert. Der in Pratteln lebende Autor, promovierter Germanist, Flurnamenforscher und seit letztem fahr auch Leiter des Liestaier Dichter- und Stadtmuseums, ist ein eigenwilliger, genauer und sorgfältiger Erzähler, der den Lesenden Zeit und Gedankenfreiheit 1ässt: durch die sinnlich-anschaulichen Beschreibungen, durch die geschickt arrangierten Leerstellen und dank Sätzen, die man am liebsten aufein grosses Blatt schreiben möchte: <Warten können>, so heisst es etwa in der Erzählung von Yair, <heisst niemals warten>.

<Licht> ist ein Buch für dunkle Winterabende mit Geschichten, die zum Sinnieren über Licht und Schatten einladen - im eigentlichen wie auch im übertragenen Sinne.

Corina Lanfranchi, Programmzeitung, Februar 2010 

 

 

Entwaffnende Ehrlichkeit

Markus Ramseier stellt in Riehen Erzählband "Licht" vor

 

Schriftsteller sind Gemischtwarenhändler. Bis auf einige Wenige, die vom Schreiben allein leben können, arbeiten viele Autoren nebenher als Lektoren, Werbetexter, Journalisten, Ghostwriter – oder sonst irgendwo in der Kultur oder in den Medien. Der Schweizer Markus Ramseier führt einen besonders exotischen Gemischtwarenladen: Neben Prosa für Erwachsene und Kinder schreibt der Doktor der Philosophie sprachwissenschaftliche Texte, arbeitet als Lektor und Sprachcoach, ist Leiter des Dichter- und Stadtmuseums Liestal – und der Stiftung für Orts- und Flurnamen-Forschung Baselland. In der Arena-Literaturinitiative in Riehen stellte der Allrounder dieser Tage seinen 2009 erschienen Erzählband «Licht» vor.

«Licht» ist ein schöner, kleiner Band mit 55 Kurz- und Kürzestgeschichten, erschienen beim Cosmos Verlag, der seinen Sitz in Muri bei Bern hat. Hinter dem Titel steht eine Idee, und zwar die der Funktionsweise einer Camera obscura, die ihr Motiv so lang belichtet, bis es gar keine andere Wahl mehr hat, als es selbst zu sein, sich nicht zu verbergen, nicht zu lügen. So plante auch Ramseier vorzugehen, als er mit der Arbeit an seinem Buch begann: Er wollte eine beliebige Stelle seiner Umgebung so lang anleuchten, bis etwas zu sehen ist, im besten Fall eine Figur oder gar eine Geschichte. Der Ort, den sich Ramseier für seine Lichtwürfe ausgesucht hat, ist Berlin – wo er sich erfolgreich um ein Stipendium beworben hat, nachdem seine vier Kinder nun erwachsen sind und der Vater in seinem Geburts- und Wohnort Liestal ab und an entbehrlich geworden ist.

Was der Autor dort gesehen hat, sind alltägliche Nebensächlichkeiten, vermeintliche Belanglosigkeiten: Eine Frau zum Beispiel, die jeden Tag das selbe schwarzweiß-gestreifte Kleid trug, der er eine Kürzestgeschichte widmete, in der er die Abnutzungsspuren am Kleid beschreibt. An der Brust seien die Streifen noch am besten erhalten gewesen, schreibt Ramseier und endet mit der Frage «Aber wen interessiert das?»

Das ist knapp, ironisch und trocken. Oder ist es einfach nur ehrlich, so wie der Autor ehrlich erscheint, wenn er, der leseerfahrene 55-Jährige und ehemalige Dozent und Lehrer, am Ende zugibt, zu Beginn der Lesung unsicher und ängstlich gewesen zu sein? Wenn er sagt, das stille Riehener Publikum, die «kirchliche Stimmung» im Kellertheater der Alten Kanzlei, habe bei ihm fast eine Panikattacke ausgelöst. Wenn also der Verdacht aufkommt, dass nicht Ramseier die Camera obscura ist, sondern wir, die Zuhörer und Zuschauer, die unser Licht auf den Autor werfen – der unter unserer Beobachtung auf der Bühne zu einer Figur werden muss, die keine Chance hat zu lügen.

Ja, das Lügen, auch das Offenlassen, ist Ramseiers Ding nicht. Und so redet er viel um seine Geschichten, nennt die Beobachtungen und Erfahrungen, die hinter den Texten stehen, will den Schreibprozess offen legen, plausibel sein als Autor und Mensch und sich einen Weg bahnen zum Publikum – dabei hat er es längst eingefangen mit seinen witzigen Lichtspots, seinem sympathischen Achselzucken und seiner entwaffnenden Offenheit, die so kindlich und unschuldig ist, dass man ihn am liebsten adoptieren würde.

Claudia Gabler, Badische Zeitung, 15.5.2010

BUCHVERNISSAGE «IN EINER UNMÖBLIERTEN NACHT»

26. April 2018, 19.30 Uhr, Kultur- und Sportzentrum Pratteln

 

Sehen Sie hier die Zusammenfassung von Kurt Suter, pratteln.net