Pressestimmen

Löcher, der Titel des Geschichtenbandes, ist Programm für Ramseiers Erzähltechnik. Er erzählt nur im Ausnahmefall chronologisch und bietet selten Handlungsfolgen, gibt dem Leser nur spärliche Hinweise und Anhaltspunkte. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die Leerstellen zwischen den Zeilen, auf die Löcher. Und übergibt dem Leser damit sozusagen den Stift, um die von ihm angefangenen Linien selbst fortzufahren, den Rändern der Löcher entlang oder über sie hinweg.

Als Leser wird man hier nicht an der Hand genommen, wird nicht geführt von (psychologischen) Erklärungen oder Erzählkommentaren. Ramseiers Ehrfurcht vor dem Unsagbaren bringt ihn nicht in Versuchung, das Unsagbare zu benennen. Die Gefahr, es zu verfehlen, wäre wohl zu groß. Ramseiers Geschichten sind nicht für die Kurzweil im Strandkorb geschrieben. Sie nötigen einem Aufmerksamkeit ab. Wer sich dazu aufrafft, wird bestens entschädigt. «Zeitlebens haben mich die Augen deines Vaters merkwürdig irritiert, flüsterte sie. Auch jetzt, da sie erloschen sind, finde ich dafür keine Sprache, außer dass ich mich diesem Blick nach wie vor nicht entziehen kann», sagt eine Frau in der letzten Geschichte. Mit Ramseiers Geschichten geht es einem oft ähnlich. Einmal in Bann gezogen, kann man sich ihnen nur schwer entziehen.

Philipp Zimmermann, Aargauer Zeitung, Mittellandzeitung 9.9.2004

 

 

Seine komprimierte, ins Unheimliche, bisweilen auch ins Absurde changierende Prosa folgt dem entlassenen Direktor, der sein Sinnmanko mit dem Sammeln von Baumästen kompensiert. Dem Kind, auf das der Kühlschrank einen unwiderstehlichen Reiz ausübt, so dass es sich hinsetzt und die Türe schließt. Dem Jäger, der in dem Geschmack des Schnapses, den er mit den anderen Waidmännern auf die gelungene Pirsch trinkt, die Seele des erlegten Tieres zu kosten wähnt. Dem Jubilar, dessen Gattin eine große Gästezahl nur einlädt, um ihn zu bedrängen («Seine Frau strahlte, als sich die Tür hinter dem letzten Gast schloss. Sie hatte ihn endgültig besiegt»).

Auf der Kurzstrecke erweist sich Markus Ramseier als Meister der Lakonie, als virtuoser Andeuter durch die Auslassung, als kluger Aufspürer der Ritzen selbst in soliden Existenzen. Fazit: Löcher sind alles andere als leer.

Thomas Widmer, Die Weltwoche Nr. 46/04

 

 

«Löcher» ist ein wunderbares Buch. Kein Satz zuviel, kein Wort, das man missen möchte. Jede Zeile erzählt eine neue Geschichte und so wird das Buch der Löcher reich. Löcher, die vielleicht einmal «Nichts» enthalten haben, aber auch das ist ja nicht mehr ganz sicher.

Margrit Manz, Intendantin Literaturhaus Basel, 21.9.2004

 

 

Ramseier hat selten zuvor derart den Tod in den Vordergrund seines Schreibens gerückt, als sei dies das «Hauptloch», um das herum all seine Figuren kreisen, auch die lebendigsten, auch die Kinder. Ramseier bleibt auch in «Löcher» ein überaus detail-, sprich: wortverliebter Beobachter, fern jeder ethnologischen, folkloristischen Neugier allerdings. Ihm gelingen dabei träfe poetische Bilder. Und er scheut sich nicht davor, den aus dem Leben gegriffenen Stoff, aus dem seine Geschichten gewoben sind, bisweilen surrealistisch zu färben. Am stärksten ist Ramseier, wenn er es erzählen lässt, Disparates nebeneinander montiert in scheinbar unverbunden nebeneinander gesetzten Sätzen. Dann sind Anfänge – medias-in-res-mäßig herausgecuttet – Übergänge, manchmal bleiben nur noch Reihen, Aufzählungen von Einzelwörtern übrig. Dann werden auch wir, wie jener Großvater – lesend älter «in einem Glitzern, einem Funkeln, in den Geschichten am Grund.»

Maurizio Pinarello, Basellandschaftliche Zeitung, 18.9.2004

 

 

Der Autor folgt seinen Figuren in unterschiedlichste Löcher – Körperlöcher, seelische Löcher, Löcher der Erinnerung, Wahrnehmung und Verdrängung, der Angst und Verzweflung, Einsamkeit und Liebe. Er konfrontiert Menschen mit Dummheit, Gewalt, Alltäglichkeit und beobachtet sie an der Peripherie von Sehnsucht, Glück und Tod, hört auf ihr Reden genauso wie auf die Tonarten des Schweigens. Wichtig sind ihm die Leerstellen zwischen den Zeilen, die Löcher eben. Er ist keiner, der einfach Geschichten erzählt, keiner jedenfalls, der in seinen Geschichten die Geschichte erzählt, um die es geht. Löcher bedeutet für ihn, das Wesentliche ausdrücken, ohne zu moralisieren. Und das ist ihm bestens gelungen.

Eugen Schwarz, Volksstimme 16.9.2004

 

 

«Als er beim Rasieren begriff, dass er noch nie so glücklich gewesen war wie am Vorabend, ließ er die Hand sinken.» Mit nur drei Strichen wird da eine Lebensgeschichte blitzartig angerissen, unsere Hoffnungen, Wünsche, Vergeblichkeiten, auch unsere Alltäglichkeit. Wie sich das zweifach aufbaut, um dann im Hauptsatz ruhig abzusinken, das zeigt zugleich die poetische und musikalische Qualität von Ramseiers Sprache.

In seinem klugen Vorwort «Vom Geheimnis der Leere» verweist Andreas Neeser auf die Ränder der Löcher. Über die Sprachgeschichte von «Loch», etwa angelsächsisch lûkan, gleich flechten, knüpfen, kommt er zu dem Befund: «Markus Ramseier spannt in seinen Geschichten Fäden über das Unausgesprochene, Unsagbare.»

In diese Geschichten versunken, müssen wir ständig rätseln, können immer nur vermuten, manchmal vielleicht ein klein wenig ahnen. Zugleich spüren wir: Genau das macht unsere Existenz aus, unsere Beziehungen zu Natur oder Nächstem.

Der Minenräumerin in »Asseln« fehlt eine Brust. Als »Arbeitsunfall« deutete das eine erste Rezension. Aber am Ende der Geschichte findet sich der knappe Hinweis in eine andere Richtung: «Unter dem Mikroskop, habe ich neulich gelesen, sind Krebszellen unbeschreiblich schön.» Arbeitsunfall ? Wir müssen uns in den Ungewissheiten einrichten. - Oder: Die Frau des Schneiders Dada Iboy bei Kinshasa ? Gestorben an einem Molekül im Gehirn, das auch durch die Universitätsklinik Mainz nicht identifizierbar ist. Nicht Ursache und Wirkung werden uns hier scheinrational vermittelt, aber Bilder: Mama Iboys verkrampfter Körper, ihre graue Gehirnmasse. - Oder die Frau aus der ersten Geschichte. Der sitzt das Zirpen der Grillen seit der Hochzeitsreise in der «Haut hinter dem Ohr» - als nie mehr zu heilender Schrecken, Terror zum Tod.

Und dennoch: Den Schrecken unserer Welt kann man begegnen. «Il faut chanter, frère Paul, quand les crocos viennent.» Da klingen afrikanische Lieder, da liebt ein alter Major, da zeigt ein Großvater dem Enkel sein Paradies. Als Motto des Erzählbandes dient ein Satz von Tucholsky: «Das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt.»

Ramseiers Geschichten sind ebenso verstörend wie tröstlich. Sein Blick auf uns Menschen ist so sachlich sezierend genau wie der Georg Büchners auf den Mörder Woyzeck - und wichtiger: ebenso teilnehmend, barmherzig. Und so spannt er über die Schwarzen Löcher des Chaos behutsam das feine Gewebe der Humanität.

Jochen Müller, Die Welt, 23.9.2004

 

 

«Löcher», da könnte man viel hineininterpretiern, aber sinnvoller ist es, jede Geschichte für sich zu nehmen, denn jede ist ein Solitär. In einigen sind merkwürdige Tiere eingeschlossen, in anderen funkelt Zärtlichkeit, in vielen blitzt der Tod auf, leises Entsetzen, manche Geschichten leuchten nach, wenn man das Büchlein längst geschlossen hat. Ramseier legt Fundstücke aus dem Alltag unters Mikroskop der Poesie. Eine zarte Ergänzung: die Naturskizzen der Israelin Yehudit Sasportas.

Christine Richard, Basler Zeitung, 21.1.2005

 

 

2002 trug Markus Ramseier am Klagenfurter Wettlesen die Erzählung «Steinzeit» vor: die groteske Geschichte einer Beziehung, die nach dreißig Jahren einen steinernen Homunkuls hervorbringt. Jetzt, in Ramseiers erstem Erzählband »Löcher«, taucht der Text nochmals auf: als stilsicheres gerafftes Konzentrat auf sieben Seiten, auf denen das Unheimliche zwar noch zu spüren ist, das Entsetzliche, aber auch das Geschwätzige jener Urfassung jedoch ausgespart bleibt.

Wie «Das ist deine Geschichte» lassen sich auch die anderen Texte des Bandes lesen: als brillant formulierte, träfe Konzentrate von Erzählstoffen, von denen wichtige, ja zentrale Teile weggelassen sind und es unserer Phantasie überlassen bleibt, die Löcher zu stopfen. Sofern wir uns nicht einfach der Wirkung dieser teils absurd-grotesken, teils halluzinatorisch-bildkräftigen Evokationen überlassen wollen, mit denen ein Autor auf überzeugende Weise seine sprachlichen und kreativen Fähigkeiten unter Beweis stellt. In der Geschichte jener Frau, die in eine Art Zwangssymbiose mit Grillen gerät, in der Darstellung jenes entlassenen Direktors, der im Wald nach toten Ästen sucht.

Charles Linsmayer, Der Bund, 12.2.2005

 

 

Die alphabetische Abfolge der Geschichtenanfänge und Zahlenkorrespondenzen innerhalb der Texte steigert noch den Eindruck einer bewussten Systematik. Es sind diese Konstellationen, welche der Leser, die Leserin erkundet, so wie in der ersten Haupterzählung ein Paar, auf dem Hinterdeck eines Schiffes in der Adria, nachts in den Punkthaufen am Himmel die bekannten Bilder sucht. Und wie die Eckpunkte der Sternbilder eine künstliche Ordnung in einem Raum von Chaos und Leere schaffen, stecken die fassbaren Geschehnisse in Ramseiers Geschichten präzis Räume der Leere ab. Wer sie liest, muss abrupt zwischen den Wirklichkeiten springen. Jäh hervorstechende Einzelheiten liegen wie unter dem Mikroskop vor Augen, disparat, scharf, konturiert. Die Texte wirken deshalb wie Bohrungen oder Schnitte – nicht zufällig werden mehrmals Körper seziert und tiefere Schichten freigelegt, bis etwa eine Krebszelle in ihrer fremden Schönheit sichtbar wird. Durch diese Technik der genauen Schnitte entsteht eine molekulare Prosa, in welcher Grillen und Asseln so präsent sind wie Menschen und Landschaften.

Die vielen namenlosen Figuren, die auftauchen und wieder verschwinden, sind Mängelwesen, welche ihre Leerstellen gegen außen abschließen. Das menschliche Gewebe reagiert ja auf Verletzungen, indem es Schutzschichten anlagert, Vernarbungen bildet. Ähnlich reagieren die Figuren in Markus Ramseiers Geschichten: durch Kompensationen, durch Phantasieüberschüsse, durch seelische Versteinerungen, bizarr und faszinierend wie Fossilien.

Christoph Wegmann, drehpunkt Nr. 121, April 2005

 

 

Wer die Geschichten als Steinbruch für eigenes Träumen und Denken nutzt, kommt hier auf seine Rechnung.

Gerd Löhrer, Blick, 16.11.2004

BUCHVERNISSAGE «IN EINER UNMÖBLIERTEN NACHT»

26. April 2018, 19.30 Uhr, Kultur- und Sportzentrum Pratteln

 

Sehen Sie hier die Zusammenfassung von Kurt Suter, pratteln.net