Leseprobe «Licht»

Im Sand berühren sich ihre Stirnen beinahe. Die Zähne in den offenen Kiefern weisen kaum Abrieb auf. Die beiden scheinen zu lachen. Jung dürften sie gewesen sein, die Arme in einer letzten Umarmung ineinander verschlungen, die Beine ans Becken hochgezogen. Leicht heller als der Sand, werfen die Knochen späte Schatten. Warum sie vor sechstausend Jahren Arm in Arm ins Grab gelegt wurden – ob sie zuvor einsanken, ob Tiere über sie herfielen, ob sie einander zu Hilfe eilten: Es muss ein Gefühl zwischen ihnen gegeben haben, sagt die Leiterin der Grabung. Sie möchte es Liebe nennen.

 

Aus dem dicken, bunt gemusterten Wollpullover ragte sein Gnomengesicht kaum hervor, die stumpfen Ohren, die schwarzen Augen. Am auffälligsten waren seine Hände – die Finger zum Zangengriff gebogen, die Nägel scharf. Im Zeitlupentempo bewegte er sich von Bank zu Bank, stand jetzt neben mir, griff mit beiden Händen in den Abfalleimer und streifte dabei meine Schulter. Von Schwachköpfen angehimmelt zu werden, murmelte er, ist noch lange kein Grund, an sich zu verzweifeln.

 

Was willst du einmal werden?, fragte der Großvater den Enkel an seinem siebten Geburtstag. Pizzakurier, sagte er, oder Fußballprofi. Eine Stunde später trug er Fußballschuhe und einen Lederball unter dem Arm. Sie spielten im Garten, zwischen Astern, Malven und Nelken. Die Steine für die Tore schleppten sie vom Fluss herauf. Die Pumaschuhe des Jungen waren blau. Großvater trug Stiefel, auf denen YETI stand, und dribbelte beidfüßig um die Bohnenstangen. Er zeigte dem Bub, was ein Pass in die Tiefe ist. Ein Topf fiel vom Sims, ein Kübel von der Treppe. Dein schönstes Tor, Großvater? Ich habe immer den Fallrückzieher trainiert, strahlte er, nicht das verdrehte Ding, sondern den klassischen, wo du flach in der Luft liegst und den Ball so triffst, dass der Goalie null Ahnung hat, wohin er fliegt. Mit beiden Füßen? Großvater nickte. Der Bub sah es an den Falten um seine Augen: Er war Rebbauer geworden, weil er nicht Fußballprofi werden durfte. Bis zum Abend übten sie den Fallrückzieher und lagen tausendmal in Dreck und Nesseln. Wenn du nicht willst, brennen sie nicht, sagte Großvater. Großmutter jammerte über die geknickten Blumen und der Enkel war Torschützenkönig. Einen Monat später war Großvater tot. Er war auf dem Traktor eingeschlafen. DAS DU DEN FALLRÜGGZIER ÜBEN KANST AUF DEN WOLGGEN, schrieb der Bub auf den Ball und legte ihn ins Grab, BIS ICH KOME, DER FUSBALBROFI.

 

Von allen Reitern, die im Laufe ihres Lebens an ihr vorbeigaloppiert seien, werde ein einziges Bild bleiben, sagte sie, das kleine Pferd auf dem gefrorenen, schneebedeckten See, ein Schimmel, seine flatternde Mähne, darüber der blaue Himmel, darin das Gesicht des Mannes, sein offener Mund. Im Galoppieren habe er gesungen, der ersten eine zweite Stimme beigegeben – sein Lachen, das noch über den See geweht habe, als er ihrem Blick schon längst entschwunden sei. Über allem und für immer aufgehoben: jene dritte Stimme, das sonnenhelle Wiehern des kleinen Pferdes, dem sie noch heute hinterhersinne.

 

Tag für Tag kauerte der Junge auf dem Rechen bei der kleinen Brücke im Park. Mit einem Stecken, den er beidhändig umfasste, stocherte er Blätter durch die Gitterstäbe hindurch. Ohne Unterlass trieben sie heran und stauten sich hier am Hindernis, getragen von Strömung und Wind. So viele waren es, dass er nie fertig wurde und sich an die Stirn schlug, wenn eines vor seinen Augen auf den dunklen Grund sank, müde von der langen Reise und weit entfernt von seinem unfassbaren Ziel.

 

Als Yair den Arbeitern punkt sieben Uhr die Tür öffnete, fiel das Licht schattenlos aus dem Gitter der sirrenden Röhren auf die Tische. Das Atelier lag vier Stockwerke unter dem Boden. Gesprochen wurde wenig. Hin und wieder drehte Yair einen Silberring zwischen Zeigefinger und Daumen und hielt ihn prüfend vors Auge. Sonst stand er reglos in seiner Ecke und lauschte dem Singsang der Werkzeuge. Nach fünf Stunden entließ er die Männer ins Mittagessen. In Einerkolonne gingen sie die Wendeltreppe hinauf, Yair zuhinterst, durchs schmiedeiserne Tor in den Hof. Dort nahmen die Wärter sie in Empfang.

Am Toten Meer gab es einen Strand, der dieselbe Farbe hatte wie der Schmuck, den sie anfertigten. Yair hatte die Bucht während des Militärdiensts bei einer Minenräumübung entdeckt. Im Gefängnis hatte er festgestellt, dass sie hinter den Felsen liegen musste, die er von seinem Guckloch aus sah. Die Feststellung war ohne Bedeutung. Sie hatten nackt gebadet damals. Zu zweit waren sie den andern vorausgeschwommen, Ben und er, in jene lichtleere Zone getaucht, die den Schädel anschwellen ließ. Ben war der einzige Mensch, in dem er sich nicht getäuscht hatte. Auch das war jetzt ohne Bedeutung.

In der Zelle hatte er rasch verlernt zu schlafen. Ich hätte es wieder getan, sagte er sich irgendwann, ja, hätte ich es nicht getan, wäre ich unrettbar verloren. Die Toilettenkabine war so klein gewesen, dass zwei Menschen kaum darin Platz fanden. Auf dem Flughafen Zürich hatten sie sich zufällig in der Reihe vor dem äußersten Schalter gefunden. Fächeln, Blicke, Berührungen. Sie war keine Frau, die wie ein Mannequin lächelte oder wie eine Sängerin strahlte. Ihr Blick hatte etwas Unversehrtes. Schon nicht mehr zufällig saßen Hannah und er im Flugzeug Schulter an Schulter, unterwegs von der kalten Schweiz in die sonnige Heimat. Während die Maschine über die Alpen flog, fanden sie in der Toilette ineinander, ihr langes Haar ein Kissen, der Boden ein letztes Feld. In all den Turbulenzen blieb sie einfach und weich, einen Wimpernschlag lang war er ganz, Lust und Gnade eins, doch fand er keine Zeit, sich an dieses Bluten und Blühen der Seele zu gewöhnen. Rabiat klopfte ein Steward sie aus der Kabine. Passagiere begehrten Einlass.

Mit einem Lächeln an die Mitreisenden setzte sie sich wieder ans Fenster. Ihre Hände suchten auf seinen eine Unterlage zum Ruhen. Beim Cellospiel schließe ich die Augen, sagte sie, wie in der Liebe. Ich tauche ins schwarze Licht. Der Steward ließ die Socke vor ihnen baumeln, die Yair in der Hektik des Aufbruchs nicht mehr gefunden hatte. Ein Reißverschluss habe die Toilettenwand zerkratzt, beschwerte er sich. Hannah strahlte den Mann an und die Sache war erledigt.

In Tel Aviv genügte ihnen die Viertelstunde bei der Gepäckausgabe, um Pläne für eine goldene Zukunft zu schmieden. Das Brautpaar soll duften, sagte er und kaufte ihr ein Parfüm, das ‘Inspiration’ hieß. Lass uns darauf verzichten, einander passend zu machen, bat sie beim Abschied. Es gibt auf der ganzen Welt kein richtiges Paar. Er winkte ihr nach, die Spuren ihres Körpers noch immer an seinem – ein schimmernder Nebel.

Das Kind, das vom Aufseher in den Besucherraum geschoben wurde, schrie. Yair litt unter diesen Schreien. Um das Besuchsrecht hatte er nicht lange kämpfen müssen. Hannah war eine kluge Frau. Amit, sein Sohn, war erst acht und eher klein für sein Alter. Als ich so klein war wie du, sagte er ihm, der am Tisch vor sich hinschluchzte, lebte ich in einem Kibbuz nahe der Grenze zu Jordanien. Tamar hieß meine Mutter. Sie hatte hüftlanges rotes Haar und war Schneiderin. Früher als ihre Liebe spürte ich die Schläge der Jungen im Gemeinschaftssaal. Meinen  Vater habe ich ein einziges Mal gesehen. Er war Ingenieur und lebte von uns getrennt. Wir Kinder trieben uns in Banden herum. Nie hat uns jemand vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählt oder ein Lied gesungen. Einzig an den Wochenenden sah ich meine Mutter. Tamar trug farbige Kleider, wenn sie mit mir spazieren ging. Auf hohen Schuhen stolzierte sie durch die Siedlung. Ich schämte mich an ihrer Seite. Meist gingen wir bis zum Stacheldraht, wo die Soldaten in Schutthaufen wühlten und ihr in den Ausschnitt schauten. Einmal stieg sie nackt ins Schwimmbad. An der Scham war ihr Haar am hellsten. Sie hatte Sommersprossen an Stellen, wo man es nicht erwartete. Ich kenne nur eine schönere Frau, dreimal darfst du raten, wen. In der Schule saß ich neben Ben. Er war der Stärkste in der Klasse und schützte mich vor Prügeln. Später schliefen wir mit allen Mädchen. Mit siebzehn kam ich ins Nationalteam der Basketballer. Das Agronomie-Studium schloss ich mit der höchsten Auszeichnung ab. Ich war jetzt jemand. Mein Name bedeutet ‘der von Gott Erleuchtete; der das Licht anzündet’. Wo ich hinkomme, werde es hell, sagte man und prophezeite mir eine kometenhafte Karriere. Ich erhielt ein Stipendium für die Schweiz, das Land mit den hohen Bergen und den harten Steinen. Doch du hörst nicht zu, Amit. Du bist so hübsch wie deine Mutter. Und genau so wenig auf mich angewiesen.

Wenn Sie möchten, sagte der Aufseher, stellen wir Ihnen einen Urlaubspass aus für einen Tag. Bauen Sie dem Kleinen eine Sandburg am Meer. Amit schüttelte den Kopf. Das Haar fiel ihm in die Stirn. Aus seinen Augen blitzte der blanke Hass. Der Junge schaute ihn nicht an, als er noch vor Ablauf der Stunde an der Hand des Aufsehers ging.

Im Libanon hatten sie als Offiziere Seite an Seite gekämpft – Ben und er. Die Wege in der Wüste entstanden im Fahren. Um abends heil heimzukehren, war höchste Konzentration gefragt und eine Kühle bis zur Gefühllosigkeit. Einmal fuhren sie in einem gepanzerten Geländewagen. Unter ihrem Sitz explodierte eine Mine. Alles war zerstört und tot, doch sie blieben ohne Kratzer und machten einfach weiter. Ein anderes Mal wurden sie in der Morgenfrühe bombardiert. Alle brüllten durcheinander und wollten davonlaufen. Entspannt euch, sagte Ben. Selbst wenn wir sterben, ist es okay. Er ließ keinen an die Tür ran. Es gibt zwei Möglichkeiten, meinte er am Tag der Entlassung: Entweder wir berühren den Himmel oder wir zerschellen auf dem Grund.

Handys waren im Gefängnis verboten. Vor der einzigen Kabine bildete sich nach dem Abendessen eine Schlange. Die Telefonkarte wurde vom Lohn abgezogen. Die drei Nummern, die Yair noch brauchte, kannte er längst auswendig. Hannah hatte er zum letzten Mal gesehen, als das Urteil verkündet worden war. Sie hatte ihm die Hand gegeben. Keine Grimassen, kein eisiges Schweigen, auch keine Spur von Anteilnahme. Allein mit dem Kind kam sie bestens zurande mit der Welt, unbehelligt und mit sich im Frieden.

Er ließ es fünfmal klingeln. Der Telefonbeantworter war eingeschaltet. Eine Schlagermelodie ertönte. Er stellte sich die Töne als Kette vor und legte den Hörer auf. Eine Kette, an die ihr Sohn sich hätte klammern können auf seinem Gang durchs Leben.

Wenn Yair Kurzurlaub hatte, wartete seine Mutter am Portal auf ihn. Zu Hause füllte sie die Badewanne mit heißem Wasser. Dazu gab sie ein duftendes Öl. Sie ließ nicht locker, bis er sich auszog und im dampfenden Schaum verschwand. Manchmal saß sie neben der Wanne auf einem Stuhl und fragte: Soll ich dir die Füße waschen? Früher hatte er sie deswegen verachtet. Heute schüttelte er nur den Kopf. Er bat sie um nichts und tat nichts, um sie günstig zu stimmen. Sie entzündete die vierte Kerze zu Chanukka, dem Lichterfest, und erzählte ihm die Geschichte vom Lichtwunder, das sich vor über zweitausend Jahren zugetragen hatte, als die Makkabäer den Tempel in Jerusalem eroberten und dort ein Lichtentzündeten. Das Öl reichtet nur für einen Tag, redete sie auf ihn ein, aber auf wundersame Weise brannte das Licht acht Tage lang, bis ein neues geweihtes Öl bereit stand. Später tischte sie in Öl gebackene Krapfen auf.

Um zehn Uhr nachts, als sie wieder vors Tor fuhren, gingen dort grell die Scheinwerfer an. Noch mehr als vor den Ausflügen nach Hause fürchtete er sich vor dem Tag seiner Entlassung.

Wie oft hatte er die Geschichte erzählt und das Wesentliche verschwiegen? Ich habe mich in der Schweiz gut eingelebt, hatte er Ben nach dem Militärdienst telefoniert, ich habe einen Preis für ein Wüstenbegrünungsprojekt gewonnen, man hat mich nach London, Mailand und Chicago eingeladen. In einer Bar im Zentrum von Genf traf ich einen namens Charles. Er geht gegen sechzig und ist Professor in Chemie. Wir rührten Dinge an in einer Glasschüssel, sangen und grölten, bis unsere Kehlen stumpf wurden, eine unglaubliche Story, wir sind wie Vater und Sohn. Tagsüber entwickle ich an der Uni neue Düngverfahren und nachts lebe ich in den abenteuerlichsten Winkeln. Die halbe Weltgeschichte zieht an mir vorbei.

Charles war ein Schrank von einem Mann mit schwarzen Ringen unter den Augen und einer ungefilterten Bassstimme. An den Wochenenden stiegen sie auf Berge und in Höhlen. Dazwischen entwarfen und verwarfen sie, wirbelten herum, es gab Nächte, in denen sie keine halbe Stunde schliefen. In einem Kellerloch stellten sie Ecstasy-Pillen her, die sie in den doppelten Böden von Sporttaschen exportierten. Das Geschäft florierte – gefüllte Kofferräume, Papierkörbe voller Pläne, halb leere Konservenbüchsen und Gelage. Monatslöhne von dreißig-, vierzigtausend Franken waren die Regel, bis die Polizei die Kontrollen verschärfte. Abrupt blieben die Einnahmen aus. Es muss etwas geschehen, sagte Charles eines Abends. Sie hatten sich an den Erfolg gewöhnt.

Ich habe dir einen Traumjob, Ben, klingelte Yair seinen Freund in derselben Nacht aus dem Schlaf, ich erwarte dich in Genf am Flughafen. Doch Ben hatte weder Zeit noch Lust. Also entschied Yair sich für einen afrikanischen Asylbewerber. Charles besorgte ihnen die Schlüssel. Geräuschlos drangen sie ins Appartement von dessen Schwiegereltern ein.

Ich will, dass du mich einmal im Monat besuchst, Amit, weil du nicht so werden sollst wie ich, sagte Yair. Du wurdest auf einem Quadratmeter gezeugt. Meine Zelle misst vier auf zwei Meter. Hätte deine Mutter um mein Innerstes gewusst, gäbe es dich nicht. Mit elf machte ich mit bei der Jungen Meretz-Partei, bei den Linken. Trotzdem bin ich Panzerschütze geworden. In der Armee habe ich getötet. Ein Schuss und drei, vier Häuser stürzen ein. Im Panzer stank es nach  Angst. Einmal war ich achtzig Stunden am Stück im Einsatz. Wir waren starr vor Kälte. Zu essen gab es Dosenfraß. Doch erst in der Schweiz bin ich zu dem geworden, den du vor dir hast. Nur ich darf Krüppel zu mir sagen. Ich weiß, das ändert nichts. Wenige Wochen nach meinem Rückflug besuchte mich Ben. Er weilte für ein paar kurze Ferientage in Tel Aviv. Wir setzten uns in ein Kaffeehaus über den Klippen. Eine Geste genügte, um die alte Vertrautheit wiederherzustellen. Aber an einem bestimmten Punkt brachen unsere Geschichten ab. Ich lebe in Jamaika mit einer Honduranerin, sagte Ben, ich habe dort eine Fischfabrik gebaut. Und ich habe mehrere Patente für neue Düngverfahren in Aussicht, gab ich Ben zurück. Mein Schutzengel heißt Hannah. In sieben Monaten bin ich Vater. Das Kind wurde auf 10 000 Metern gezeugt, über den höchsten Gipfeln Europas.

Ein Felsenweg führte hinunter zum Strand. Noch einmal tauchten wir zusammen. Nur die Wenigsten haben so viel Glück, lachte ich auf dem Rücken schwimmend.

Nicht dass man ihn im Gefängnis gefoltert hätte. Die Operation wurde nötig, weil er im Militär einmal mit dreißig Kilogramm Gepäck von einem Panzer gesprungen war. Mit einem Bein war er in einer Felsspalte gelandet, mit dem zweiten auf dem Sandboden. Drei Wirbel wurden ihm versteift. Um ihn zu schonen und weil er sich mustergültig aufführte, beförderte man ihn zum Aufseher. Selten kam es in der Werkstatt zu Handgreiflichkeiten. Meist ging es um Drogen. Er betäubte die Kollegen mit einer Sirene. Der schrille Klang trieb sie rascher auseinander als der Gummiknüppel, den zu schwingen ihm der Wille fehlte. Auch so erschrak er über sich selbst. Nur nicht auffallen. Berechenbar bleiben. Die Steifheit seines Rückens passte zu seiner Zeit, die sich an Mahlzeiten maß und nicht am Gang der Sonne. Dazwischen die Fragen, auf die es keine ganzen Antworten gab – einzig Verwandlungen vom Harten ins Weiche. Warten können, brachte er sich bei, heißt niemals warten.

Als er Ben nach sieben Jahren nochmals im Besucherraum gegenüber saß, war dieser weder böse noch wütend. Erstmals erzählte er seinem Freund den Schluss der Geschichte, so wie man erzählt, wenn noch ein Dritter im Raum ist. Wir zogen uns zurück auf ein Hotelzimmer, sagte er. Dort begann der Professor zu dozieren. Dass die Größe einer Freundschaft sich nicht misst am geschäftlichen Erfolg, sondern am Band der Treue. Dass einer, der im Krieg getötet hat, auch im Frieden töten kann. Die Alten haben genug geatmet, sagte Charles, vor allem haben sie eine Lebensversicherung. Der Afrikaner und ich erledigten Charles' Schwiegereltern im Bett. Zwei Schüsse genügten. Ich tat es nicht der 50 000 Franken wegen, sondern weil ich etwas verwechselte. Der Afrikaner schoss ein paar Lampen von der Decke, bis es stockdunkel war und das Ganze perfekt nach Überfall aussah. Du hättest das auch gemacht. Im Libanon haben wir so getötet. Dann fuhr ich im Auto von Zürich zurück nach Genf. Unterwegs wusch ich mich in einer öffentlichen Toilette. Von meiner Wohnung aus verständigte ich den Professor. Auf der Fahrt zur Beerdigung ließ ich mir auf einer Raststätte den Lohn auszahlen. Die Sonne schien auf den Sarg. Ich schlief in diesen Wochen gut und fuhr regelmäßig zum Skifahren in die Berge.

Du erzählst so gespenstisch friedlich, unterbrach ihn Ben. Die Lippen sind das Einzige, was sich an dir bewegt. Du scheinst kaum fähig, einen Nagel einzuschlagen. Alles an dir ist so exakt, gerade, leise, so manisch ordentlich.

Ich sorge mich um die Silberverarbeitung, antwortete Yair.

Und die Zukunft, fragte Ben, die Zeit nach dem Gefängnis? Du bist jetzt 42. Die meisten Frauen würden sich nach wie vor um dich reißen. Aber tief in dir drin ist etwas, das mir Angst macht. In einer Sekunde kannst du dich in einen Wolf verwandeln. Wenn du mit 54 das Gefängnis verlässt, ist das ein riesiger Verschleiß an Energie. Erinnerst du dich ans Licht: Wo immer du hinkamst, wurde es hell.

Wie entsteht Kühle, fragte er Amit, der ihm jetzt schon zur Brust reichte, das Eis des Schweigens? Ich kann dich nicht vor mir verschonen, fuhr er mehr zu sich selbst weiter. Wirkliches Anderskönnen würde bedeuten, dass wir die Macht hätten, ohne Berücksichtigung von Gefühlen und Argumenten zu handeln. Ich möchte, dass du alles weißt. Drei Monate nach dem Mord erhielt ich in Genf Besuch der Polizei. Die beiden Beamten blieben zwei Stunden und entdeckten nichts Eigentümliches, weder an mir noch in meiner blitzblanken Wohnung. Dein Vater war der geborene Killer, selbst in seinem Innersten rumorte nichts. Ich war im Einklang mit mir selbst. Höchste Ordnung und Disziplin im Kopf. Die Fragen beantwortete ich ausführlich. Im Cheminée hatte ich längst alle Adressen verbrannt. Gleichentags buchte ich einen Flug nach Israel. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich nie an ein stärkstes Motiv geglaubt. Und dann? Ich flog durchs Paradies und landete in der Hölle. –  Trink, der Tee wird kalt. Du hast meine Augen. Es ist wichtig, dass du mir eines Tages auf die Schliche kommst.

Als ich die Fragen der Schweizer Polizisten beantwortete, hatte ich für jeden meiner Schritte ein Alibi und für jedes Alibi eine Fülle an Details. Mir war nichts nachzuweisen, das wars. Ich hatte mich zu gut abgesichert, übermenschlich gut. Nach weiteren drei Monaten verhaftete mich die hiesige Kriminalpolizei vor meiner neuen Wohnung in Westjerusalem. Ich stritt nichts ab, bat einzig, die Tür offen zu lassen für deine Mutter.

Bevor ich verurteilt wurde, kamst du zur Welt. Täglich rief ich Hannah an, um nach dir zu fragen. Sie weigerte sich, mich zu besuchen. Ich roch ihre Haut trotzdem und schwor, nie einen Antrag auf frühzeitige Entlassung zu stellen.

Der Direktor meint, ich solle mehr trinken. Mein Mund ist ständig am Vertrocknen. Vom Gefängnisfenster aus flöge ein gut gebautes Modellflugzeug bis ins Tote Meer. Wenn ich von Zeit zu Zeit auf den Tisch steige, um die Sonne zu sehen, erahne ich die Rippen der Küstenfelsen. In den Felsen gibt es Höhlen. Wer kann einem Vater verbieten, mit seinem Sohn in Höhlen zu steigen, außer der Sohn – oder der Vater?

Doch einmal, glaub mir, habe ich den Himmel gestreift, weit über dem normalen Leben.

 

Die Frau klappte am Grab den Stuhl auseinander, den der Verstorbene ihr vor vielen Jahren gezimmert hatte, setzte sich darauf und spürte die Sonne sofort im Rücken. Nein, sie hatten sich nicht immer gern gehabt, sie glaubte nicht, dass jeder Tag der schönste war, und manchmal dachte sie: Die Menschen haben Gott erschaffen, nicht Gott die Menschen. Ein schwarzer Käfer wetzte seine Scheren auf dem Sarg. Die Pfarrerin sprach von der Reise der Seele. Die Frau wäre getröstet gewesen, wenn sie gesagt hätte: Wir wissen es nicht. Als der Klappstuhl unter ihrem dünnen, krummen Körper zusammenkrachte, blieb sie reglos auf dem kalten Boden sitzen, der sensibler über das Leben erzählte, als manches Wort es vermochte. Während dem Segen träumte sie, dass sich in ihrer Hand zwei dicke Hummeln paarten. Die eine ließ eine Riesenmenge Eier in ihre Hand rieseln. Sie säte sie ins Grab und stand mit einem Lachen auf.

 

Willkommen in der Heimat, sagte der Nachtconcierge und streckte ihm den Schlüssel entgegen. Schon als Bub war Leu hier in der Eingangshalle von Säule zu Säule gerannt, schneller als seine älteren Brüder. Er hatte einen kleinen Kopf, keine kräftigen Kiefer wie die andern, keine mächtige Muskulatur. Sein Körper wurde von langen, dünnen Beinen getragen. Keiner vermochte so viel Atemluft zu fassen, so viel Blut zu pumpen, den Rücken so zu biegen, dass die Arme die Beine weit übergriffen und nach dem Startschuss mit dem gestreckten Leib einen Lidschlag lang eine Waagrechte bildeten. Leu, der Läufer.

Der Patron empfing ihn mit den luftigen Handbewegungen eines Zauberers: das Turmzimmer, Herr Leu, wie immer! Nach all dem Tauwetter sind die Seen beinahe blank. Aber das Thermometer sinkt. Das Rennen ist gesichert.

Er ist in Ordnung, dachte Leu. Anderswo reden die Direktoren auch unabläßig übers Wetter. Sie sind wie abgehangene Fische. Ich bin ja selbst einer. Das ist unsere Stärke. Wir sind wetterfest.

Wie gehts dem Vater? – Gut, bis auf die Altersdiabetes. Der Arzt hat ihm den Start am Sonntag verboten. Das hat ihn mehr getroffen als die Übergabe der Firma. Er lässt grüßen. Am Loipenrand stehen und einfach nur zuschauen mag er nicht.

Leu verzichtete auf den Fahrstuhl und nahm zwei Treppenstufen aufs Mal, Skisack und Wachskiste in der linken, den Koffer in der rechten Hand. Er war also wieder da, erstmals ohne Vater. Und ohne Ruth natürlich. Die Woche war stets Männersache gewesen. Eine Woche Engadin. Eine Woche Langlauf. Eine Woche Leu. Mit einem Glas Wein stellte er sich auf den Balkon. Hier, im Spielland seiner Kindheit, hatte er mit seinen Brüdern im Sommer Schiefer um die Wette über den See hüpfen lassen und dem sonnenwarmen Klang nachgelauscht, den sie mitnahmen in die Tiefe. Wer am meisten Hüpfer schaffte, erhielt von Vater einen Fünffränkler. Damals wollte er Schafhirt werden, später am Gymnasium Cellist. Am liebsten hatte er den Bogen über die C-Saite geführt, die dunkle. Doch seine Brüder hatten sich frühzeitig aus dem Staub gemacht, Psychiater der eine, Physiker der andere. Also hatte er, der Jüngste, die Firma übernommen – mitsamt dem Ritual, das mit diesem Glas Wein begann: eine Woche Winter, um zu schlemmen wie die Götter und im Schnee auf Geistesblitze zu kommen – ohne Laptop und Mails. Der Marathon am Schluss war das Tüpfelchen auf dem i: die Überwindung des inneren Schweinehunds, wie sein Vater sagte. Leu war bereit. Business mit Biss hieß der Firmenslogan. Nur dran bleiben, ja keinen Ärger haben. Sein zäher Vater hatte den Schweinehund dreißig Mal besiegt.

Die Lärchen am Hang standen in der Morgensonne, als er erwachte. Auf einem Baum hockte ein schwarzer Vogel. Seine verharschten Schreie gefroren in der Luft. Eisbärte hingen an den Steinen im Inn. Ein Fels hatte sich in eine Orgel mit glänzenden Pfeifen verwandelt. Wurde er sentimental? Hatte es mit der Sanftheit zu tun, mit der eines ins andere überging? Diese Installation aus Licht, diese entrückte Winterkollektion. Weiße, saubere Tische im Speisesaal. Ein winkender Kellner. Leu frühstückte hastig. Das Herz zog ihn nach draußen. Als er die Loipe erreichte, bekam er einen Schneeball an den Kopf. Ein Kind lachte ihn an. Er lachte zurück und klemmte die Schuhe in die Bindungen.

Ganze Heerscharen gaben sich den Feinschliff fürs Rennen. Man schlitterte, schlingerte über den blank gescheuerten See. Die Gefahrenzone für den Langläufer ist die Langläuferzone, dachte Leu. Unter der Loipe ist die Tollpatschigkeit begraben. Er selbst zog die Skikanten wie Rasierklingen übers Eis und trank im Gleiten aus dem Bidon. Leu war im Zenit. Er lief alle vom See und genoss es, wenn man ihm nachstaunte. Die Firma florierte. Sein Leumund war exzellent, Ruth eine attraktive Frau und die Mädchen glänzten in der Schule. Ein heftiger Windstoß trieb ihn Richtung Statzerwald. Über St. Moritz stauten sich die Wolkenballen. Dahinter verpuppte sich das letzte Blau.

Als die ersten Flocken fielen, wurde um ihn herum in sieben Sprachen gerätselt, ob man umkehren solle. Leu war gerührt, wie einfach diese Menschen waren, wie breitbeinig, wie starr und ernst, wenn er sie überholte. Die Gesichter waren nichts als kleine helle Flecken, die er rasch aus den Augen verlor. Er übersprang Äste, dämpfte kleine Kuppen, pfeilte hinunter nach Pontresina, wuchtete am Flugplatz von Samedan vorbei, in Zwanzig-, Dreißigmeterschritten, Herz und Lunge zielwärts gerichtet, flog durch die Flocken, die zunehmend dichter wurden, bläulichgrau. In Zuoz drehte er eine Schlaufe, kaute im Laufen einen Energieriegel und nahm den Rückweg zum Hotel unter die Skier. Die Seitentäler waren längst verhüllt. Er blieb im Rhythmus. Fetzen von Gedanken wirbelten durch seinen Kopf, nichts Endgültiges – dass Liebe nicht dasselbe war wie Ehe, die Technik des Gleitens so anspruchsvoll wie die Kunst des Cellospiels. Verschollenes tauchte auf, Belangloses, Geschäftspartner, ein verfallener Schafstall im Fextal, ein Neujahrsbesuch, von dem ihm nichts geblieben war außer dem Geruch eines alten Buches, dem er kurz nachhing, um ihn sofort wieder zu verlieren. Leu glitt im Gleichtakt von Arm und Bein, selbst als der Wind drehte, die Flocken waagrecht an die Wangen prallten. Jeder Schritt ein Gelübde. Von jetzt an zählte einzig noch der Sonntag. Sonntag war Leutag.

Zurück im Hotel, hängte er sich im Fitnessraum Gewichte an. Nach Kneipp-Rondell und Inhalierungsgrotte ließ er sich mit ayurvedischem Öl begießen und schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Abendessen. Von den Nebentischen nickte man ihm zu. Rosana, die treue, schon leicht verwelkte Seele, füllte ihm mit abgespreiztem kleinem Finger das Glas: Wie liefs denn so durchs Jahr, Herr Leu? Er prüfte die Weinetikette. Prächtig! Er mochte ihre Art, durch den Saal zu stapfen, als sei der Boden Tiefschnee.

Wann hatte er erstmals allein mit seinem Vater zu zweit an diesem Fenstertisch gesessen? Mit 24, 25? Die Ehe der Eltern war früh gescheitert. Im Laufe der Jahre hatten sich ihre Männergespräche kaum verändert. Aktienkurs, Wetterprognose, Gewinnmargen, Skipräparierung, Löhne, Rennernährung, Aufträge, Lauftechnik, Investitionen, Startaufstellung – ein sportlich-geschäftlicher Ping-Pong. Nach Loipe und Sauna waren sie Abend für Abend in den kalten Bottich abgetaucht. Leu war leichter und meist rascher wieder oben als sein Vater, der alte Titan-Leu, der auch nach der Firmenübergabe im Büro täglich auf dem Rower-Trimmer strampelte und den vollkommenen Zahn forcierte. Leu Zahnersatz für ein neues Leben, Zahnwellness pur. Sein Vater trug einen Pulsmesser und zeigte noch mit siebzig Muskeln, von denen manch Junger nicht wusste, wo sie sich an ihm befanden.

Leu sah sich um. Ihm gegenüber breitete einer den Arm über die Schulter seiner Angetrauten aus. Man kaute, schluckte, plauderte, gluckste. Jeder Tisch eine kleine, geschlossene Welt. Kam es von den flackernden Kerzen? In seinem Kopf machte sich ein Brummen breit wie von einem tief fliegenden Propellerflugzeug. Der Speisesaal war überhitzt. Eine Fliege strudelte um einen Leuchter. Dicke, träge Flocken trieben vor dem Fenster, eine grauweiße wandernde Herde. Zusammenreißen! Früh schlafen und mit einem Jauchzer aufstehen.

Über Nacht hatte der Schneefall aufgehört. Das Brummen war geblieben. Doch der fehlende Schlaf war keine Tragödie. Leu war auf Kurs. Viel Geld, viel Liebe, viel Spaß. Das ganze moderne Programm. Ruth war überhaupt nicht frigid und voller Geduld. So verliefen erfolgreiche Karrieren. Keine Sprüche, keine Launen. Disziplin und Geduld. Fleiß und Wille. Jeder Tag eine Denksportaufgabe. Am Abend fehlten einfach die Worte, um auszudrücken, was man wirklich dachte.

Zwischen den Toilettenutensilien suchte er im Necessaire nach den Kopfwehtabletten. Necessaire – der Klang dieses Wortes hatte ihn als Schüler fasziniert. Sein erstes Reisenecessaire hatte er vor der Heimkehr mit allem gefüllt, was ihm heilig war, Schneckenhäuser, Kiesel, vertrocknete Würmer – zum Trost und zum Trotz, dass die Schule wieder anfing.

Er schulterte die Latten. Der Himmel flimmerte. Die Welt um ihn herum hatte sich verändert. Wie ein frischer, faltenloser Teppich lag die Loipe auf dem Funkelparkett des Sees. Der Neuschnee schluckte Schall und Hall. Alles weich und leis, leicht und luftig. Und ihm sprengte es den Kopf auf der Kriechspur dieses Tages. Aber er hatte Reserven. Leu, der Löwe. Das Tier prangte auf dem Familienwappen, auf dem Firmensiegel. Das Unternehmen schrieb Rekordgewinne. Und am Sonntag startete er mit 42 noch in der Elite. Ruhig ein- und ausatmen, den Druck bis in die Skispitzen verteilen, entspannen. Doch die Loipe wollte kein Ende nehmen.

Abends überdeckte er einen Saucefleck mit der Serviette. Stumm bat er darum, ignoriert zu werden.

Anderntags zog er den Vorhang vor die Sonne und tigerte um die Zimmerpflanze herum. Stündlich griff er zum Thermometer. Kein Fieber, immerhin. Er dachte an Ruth, an seine beiden Mädchen und machte ein paar kraftlose Liegestütze. Später griff er zum Hörer, ohne eine Taste zu drücken. Was ging vor in seinem Körper? Nur nicht aufgeben, die Glieder freischwitzen, den inneren Schweinehund verhöhnen. Vor der noch geschlossenen Sauna legte er sich in einen Liegestuhl. Er fiel in einen Dämmerschlaf, in den irgendwann ein Elefant trampelte. Das Tier steckte den Rüssel in den Bottich und spritzte ihn laut trompetend ab. Leu schreckte auf. Die Schwarzhaarige, die ihn im Flur gestreift hatte, faltete ihren Bademantel über dem Arm. Nackt ging sie zur Tür. Also konnte es losgehen. Kaum saß er, begann die Schwarzhaarige auf ihn einzureden. Zweimal stellte er die Sanduhr um. Die Frau flüsterte etwas von bestaussehend und fuhr ihm mit dem Knie zwischen die Beine. Leu taumelte nach draußen. Was tun, wenn die Wände wankten und das Hirn im eigenen Schweiß schwamm?

Kein Gedeck für mich, ließ er ausrichten, aber eine Schüssel Eiswürfel. Die Direktorin höchstpersönlich brachte ihm die Würfel. Von Ihnen hängt es ab, dass der Sonntag gut wird, ermunterte sie ihn. Er gab die Schüssel nicht mehr aus der Hand und die Hoffnung nicht auf.

Am Samstag ließ er sich von einem Arzt untersuchen. Kein Schatten auf der Lunge, keine bösen Viren. Alles in Ordnung, Herr Leu, Sie dürfen starten.

In aller Herrgottsfrühe löffelte er zwei Teller Porridge und fuhr mit dem Bus nach Maloja. Als er ausstieg, zeigte das Thermometer minus zwanzig Grad. Von überall her flatterten Läufer herbei und besammelten sich wie auf unsichtbaren Drähten. Leu, bemüht um Haltung, stand in der ersten Reihe neben einem, der sich das Gesicht halbstündlich mit Vaseline einschmierte. Der Jüngling zu seiner Rechten tänzelte an Ort. Sein Papageiendress schloss sich priesterlich um einen bleistiftdünnen Hals. Die Augen glühten vor Zuversicht.

Drei, zwei, eins, los! Ein Sturm. Ein Gewoge. Leu tauchte ein in den Strom. Links und rechts rempelte man und scherte aus. Der Malojawind war eine Wand. Leu machte sich klein, gab sich rosaroten Hintern hin, Krummbeinen und exotischen Duftstoffen. Zum Reißen gespannte Waden brachten ihn zum Lachen. Und da er schon bald kaum mehr glitt, bekam er Wangen wie Tannzapfen, an denen die Kälte kristallisierte. Es kümmerte ihn nicht. Seine Lust am Überholtwerden wuchs. Das Wort lieb stolperte ihm durch den Kopf. Er buchstabierte es rückwärts. Als der Letzte ihn passiert hatte, ein stelzbeiniger Greis, lief er im rechten Winkel von der Loipe weg auf einen tischgroßen Fleck zu. Der See war dort blank, glatt und schwarz. Weit vor ihm schwankte das Eis unter dem Zug der Läufer, der ins Endlose stampfte. Leu tat keinen Wank mehr. Lotrecht stand er da, fernab von allem, ein Senkblei im innersten Winter.

Nach einer Weile legte er sich hin, die Augen nah am Eis. Schneeperlen waren darin eingeschlossen, bernsteinklar, erstarrte Sommeralgen, funkelnd wie Folie, zersplittert wie nach einem Hammerschlag. Er drehte sich zur Seite. Als der See unter seinem Ohr dunkel zu tönen begann, glaubte er zu verbluten vor Glück.

BUCHVERNISSAGE «IN EINER UNMÖBLIERTEN NACHT»

26. April 2018, 19.30 Uhr, Kultur- und Sportzentrum Pratteln

 

Sehen Sie hier die Zusammenfassung von Kurt Suter, pratteln.net