Leseprobe «Löcher»

Am Tag, nachdem er den Schreibtisch geräumt hatte (die Konzernspitze gestand ihm hierfür genau eine Viertelstunde zu), ging der Direktor erstmals mit seinem Aktenkoffer ins Bannholz, ohne Frau und Hund. Er brachte ein halbes Dutzend morsche Äste zurück, die er noch vor Sonnenuntergang auf die exakt gleiche Länge zusägte und an der Hauswand aufschichtete. Mit den Wochen und Monaten wurden die Äste dicker. Der Direktor benutzte jetzt einen Reisekoffer. Auch erweiterte er seinen Radius Richtung Hard und Moderhalden und begann die Eiche immer eindeutiger der Buche vorzuziehen. Später zog er einen Handwagen. Hin und wieder ertönte tief im Waldesinnern ein Geheul, dem eines Wolfs nicht unähnlich, und eines Abends wurde der Direktor von einem Reiter beobachtet, wie er weit hinten im Fulengraben einen Baum ansprang: vom Steilhang aus, mit gestrecktem Bein. Aber gefährlich ist er nicht, meint der Förster, Menschen weicht er aus. Und was er aufschichtet, darf sich sehen lassen: Die Stapel steigen wie vom Lineal gezogen an allen vier Wänden auf. Läden und Fenster decken sie schon zu.

Bald bin ich so groß wie der Kühlschrank, murmelte das Kind und zog die Jacke aus. Es öffnete die Schranktür, pustete in die Handballen, stellte Milch, Eier, Yoghurt und Käse auf den Küchenboden. Zwischengitter sowie Schubladen legte es daneben. Dann setzte es sich in den Schrank und zog die Tür. Sein Gesicht war gespickt mit Kratern eines Jahre dauernden Meteoritenhagels, zernarbt von Rillen winziger Lavaflüsse. Hier, im Innern, war es windstill. Flocken lösten sich vom Tiefkühlfach.

Rasch wuchs der Firn um seinen Kopf.

»Bäume schneiden kann er nicht«, wetterte der Bauer, »auch wenn er schwarze Kirschen schwitzt. Der schneidet die Äste nur innen weg. Die Krone bleibt verwachsen. He, das Licht muss in den Baum fallen. – Sehen Sie, der hockt im Geäst und macht Stielaugen und hat keine Ahnung von Erziehungsschnitt. Die haben zu viel Licht dort unten im Süden. Lassen ihrem Baum das Dach, damit er nicht austrocknet, und schicken das Licht zurück in den Himmel. Der kann nicht umdenken. Bei uns im Baselbiet muss das Dach weg, sonst wird der Kirschbaum schwach und spindelig, Herrgottnochmal, die Schauenburger brauchen innen doch Licht!«

Beim Einnachten kamen die drei Jäger vom Wald hinunter ins Dorf. Der Mittlere trug den Rehbock auf dem Rücken. Der Kopf war nach hinten gedreht. Im Maul steckte ein Zweig. Der Mann legte seine Beute auf den Boden beim Schuppen und strich mit den Fingerkuppen über den Bauch des Tieres. Er zeigte dem Bub die winzige Einschussstelle unter dem linken, weit aufgerissenen Auge, berührte das Gehörn, hob eines der Vorderbeine an und nickte. Nachher stand er mit den Kollegen um den Rehbock herum, der mit offenem Bauch kopfüber an einem Haken hing, und entkorkte die Flasche. Auf die Seele, sagte er zum Kind, und streckte ihm das Glas entgegen. Die Augen des Kindes glänzten. Zum Wohl, sagte es und umfasste das Glas mit beiden Händen. Die Seele schmeckte bitter.

Nie hatte sie etwas weggeworfen, Zettel, Briefe, Zeitungen gesammelt, gebündelt und gestapelt. Die Gänge und Zimmer hatten sich im Lauf ihres Lebens zu Schlitzen verengt, in denen die Luft stand. An diesem Donnerstag sah sie im Spiegel, dass sie fast kahl geworden war. Worauf wartest du, fragte ihr Sohn, und warf das erste Bündel vors Haus.

Sie saß auf der Kante des Hotelbetts. Durchs Fenster sah man den See, dahinter die bleistiftdünnen Tannen. »Ich habe dir alles gesagt«, schluchzte sie, »und du hast mich betrogen.« Die Digitalanzeige auf dem Wecker blinkte. Er zog das Stromkabel heraus und starrte aufs Wasser. Ein Schwan schwamm das Ufer entlang. »Du hast mich betrogen«, erwiderte er, »als du mir alles sagtest.«

Wenn er morgens der Stadt zu radelte auf dieser langgezogenen Straße mit ihren unmerklichen Krümmungen, wehte ihm der Wind vom Elsass her ins Gesicht, blies die Fahrer aus der Gegenrichtung förmlich auf ihn zu, ein rasches Zoom aus weitem Winkel unter der Käseglocke eines neonfarbenen Himmels in die Totale. Wer ihn kreuzte, wurde getrieben. Er aber hievte sich aus dem Sattel und strampelte, den Oberkörper über den Lenker gebeugt, der Stadt entgegen.

Abends, wenn er die volle Mappe wieder auf den Gepäckträger klemmte, hatte der Wind – Mal für Mal und wie zufällig – gedreht. Wieder ging er aus dem Sattel und stemmte sich seinem Zuhause entgegen. Mit der Zeit stemmte er sich gegen alles.

In diesem Essraum gib es wenig, worauf die Männer ihre Blicke richten können. Also bewegen sie sich an ihr entlang, die Schenkel hinauf, zur Brust und in die Augen. Es berührt sie nicht. Die Humanitären tragen Designerbrillen. Die Pullover liegen auf ihren Schultern. Die Militärischen sind kahl rasiert. Sie bevorzugen Kurzarmhemden und Hosen mit Knietaschen. Verwechselt sie deswegen ihre Namen, weil sie alle dieselben Geschichten erzählen? Einige haben die Minen gelegt, die sie jetzt entschärfen. Den Fahrer, immerhin, kennt sie. Im Wallis hat er Lawinen gesprengt. »Wenn ich etwas vermisse«, sagt sie zu Haf Ramal, »dann die Gletscher, die Weiden, das schwarze Moor.«

 

Nein, schreibt sie nach Hause, den Luxus des Schmerzes leiste ich mir nicht. Heldentaten vollbringe ich keine. Es ist eine Arbeit wie jede andere. Minen sind Soldaten, die nie schlafen, nie Hunger haben und geduldig warten, bis einer des Weges kommt. Der Detektor piepst bei jedem Coladeckel. Die Arbeit beginnt in der Morgendämmerung. Das Entminungsfahrzeug ist stochwerkhoch. Es ersetzt meine Hände nicht. Rüstung und Schultertaschen drücken. Der Helm hockt auf den Brauen. Treffe ich auf etwas Hartes, lege ich es mit bloßen Händen frei. Ich grabe um die Mine herum, bis sie nackt, rund, und – je nach Plastikart – wie neu vor mir liegt. Dann hebe ich die Hand. Die Arbeit auf dem Feld ruht. Ich installiere den Sprengmechanismus. Eine halbe Stunde später drückt mir die Detonation den Kopf in den Hals. Der Boden ist manchmal staubig trocken, manchmal breiig oder modrig nass. An den Rändern findet ihr die Asseln. Sie haben einen abgeflachten Körper, an dem die Segmente sichtbar sind. Erstmals sind sie mir in Herat aufgefallen. Sie strahlten ein gelbliches Licht aus. In Bajouar hausten sie unter einer Mine, die in einem Reisfeld lag. Besonders die Kellerassel ist weit verbreitet. Auch der Mauerassel bin ich oft begegnet. Die Kugelassel hat die Fähigkeit, sich bei Störungen zu einer festen Kugel einzurollen.

 

Einer liebt sie abgöttisch, ein alter Major aus Belgien. So ungeschickt wie seine Finger sind seine Sätze. Sie werden nie rund. Er lässt alte Platten laufen, indem er mit der Faust auf den Musikautomat neben dem Ofen haut. Aus dem Plattenteller lösen sich die Töne ächzend, dann zunehmend weicher. »Sie wissen«, sagt sie zum Major, »ich tanze nicht.« Der Holländer sitzt daneben. Auf dem Tischtuch sind Minenfelder eingezeichnet. »Eine Frau hat hier doch nichts verloren.« Ein alter Satz. Der Holländer hat Brandwunden im Gesicht. »Ich war einmal verheiratet«, sagt er, »ich habe meinem Sohn eine Hütte gebaut.« »Warum machst du das?«, fragt der Italiener, »du kommst aus der Schweiz, du bist doch reich.«

Sie unterscheidet jede Mine an ihrem Klang. Die Skala der Dumpfheit. Die sirrenden Spitzen. Das langsame Verhallen. Sie denkt an das Donnern der Lawinen, an das Rauschen der Brandung, höher nur alles und heller. Wenn jemand stirbt, müssen die Neuen es wieder und wieder erzählen. Sie lachen viel dabei.

Dem Gebäude, in dem sie schläft, fehlt das Treppenhaus. Aus Kartonschachteln hat sie Möbel angefertigt. Mit einer halbierten, fauligen Kartoffel lockt sie die Asseln an. Ihre Fraßstellen sind winzig. Die Körper schiefergrau. Sie säubern auch die kleinste Ritze von Schmutz. Das Ausscheidungsorgan liegt am Kopf, an der Basis der zweiten Maxille.

 

Blütenstaub wirbelt auf und kitzelt. Ein Sandkorn reibt die Netzhaut. Sie unterdrückt den Husten im Hals. Aus dem rechten Auge löst sich eine Träne.

Auf dem Bauch liegend köpft sie Gräser und Buschwerk mit einer Schere und schneidet sich zentimeterweise eine Schneise ins Dickicht. Nicht alles, was man plant, wird Wirklichkeit. Aber es gibt dem Tag einen Rahmen. Könnte man, wenn man mit dem Ohr noch näher heranginge an den Plastikpanzer, den Funken springen hören? Es ist ein langsames Spiel. Der Himmel veilchenblau. Drei Stunden für einen Quadratmeter. Die Natur ist an vielen Stellen rascher, das Moos, die wuchernden Ranken. Einmal flog ein Esel in Stücken durch die Luft. Ein anderes Mal trug sie eine junge Frau vom Feld in ein nahes Haus. Sie hatte beide Beine verloren und ein Auge. Fliegen umkreisten ihre Beinstummel. Die Frau war so still und leicht, dass sie das Gewicht in ihren Armen nicht spürte.

Mit den Fingerspitzen bricht sie die Erde auf und denkt sich Stimmen aus für diese Stille, Stimmen von Tieren. Sie geben dem Raum Weite, dadurch, dass sie stets aus der Ferne ertönen.

Wenn sie in die Stadt fahren, um einzukaufen, kommt es vor, dass sie auf dem Rückweg singen. Ohne dass er es merkt, ballt der Major die Faust.

 

»Schau«, sagt sie zum Engländer. »Ein letzter feuchter Holzblock in einem ausgetrockneten Fluss genügt. Sie brauchen die Feuchtigkeit, da sie noch mit Kiemen atmen.« Er lacht, den leeren Kaffeebecher in der Hand, tätowierte Adler an beiden Oberarmen: »Wir finden die meisten Sprengköpfe.«

»Ihr räumt hastig und unvollständig.«

»Unsere Schutzwesten sind die dicksten. Wir bevorzugen Familienväter. Die schwenken die Minen nicht wie Einkaufstaschen. Moçambique ist komplizierter. Angola. Nachts legen sie dir neue Sprengkörper ins geräumte Feld.«

»Du passt nicht in diese Gegend«, sagt sie.

»Die Arbeit ist krisensicher. Ich habe vierzehn Einheimische. Leicht schaffst du zehntausend Dollar im Monat.« Unter seinem Arm klemmt ein gebundenes Mäppchen.

»Ich machs für sechshundert – Euro.« Ihre Beine zeichnen ein V in den Flusssand. Stoppelfelder dahinter. Ruinen und Abfall. Es gibt Leute, die man immer wieder sieht. Laos, Kambodscha, Bosnien. Afghanistan, Moçambique.

»In einem Jahr«, sagt der Engländer, »ist das hier der sauberste Fleck der Erde.«

Eine Assel stochert in einer Ritze. Sie hat eine Luftröhre an den Außenästen der Hinterbeine. Luftgefüllte Höhlen, sichtbar als weiße Körper. »Sie sucht Abgestorbenes«, sagt sie. Was passiert, wenn der Block auch austrocknet? »Einmal hat einer einen Strunk ins Feuer geworfen. Erst in den Flammen hörst du sie. Schrill wie Grillen. Nur viel leiser.«

 

Wenn sie lang liegt, spürt sie die Rippen. Es sticht ins Schlüsselbein. Die Erde ist zum Sieben fein. Winzigste Versteinerungen, zurückgelassen von einem längst vergessenen Meer. Die meisten Minen reihen sich zu Ketten aneinander. Oder sie breiten sich in Gittern aus. Landminen, harmlose Pucks scheinbar. Sie kosten weniger als einen Dollar das Stück. Einfache Minen. Andere explodieren erst auf Gesichtshöhe. Es gibt welche, die sich wie Sonnenblumen dem Opfer zuneigen, und ausgefranste Clusterbomben, in deren Innern die Bomblets zu Hunderten liegen wie die Kerne einer Frucht. Die meisten Länder verwenden das gleiche System. Auch die Schweiz.

Am schwierigsten sind die planlosen Labyrinthe. Bei der letzten Explosion war kein Teil der beiden Kinder größer als der kleinste Finger ihrer Hand. All die Löcher in der Landschaft, so nah beisammen, dass nichts mehr zusammenhält.

Nachts trinken die Männer Bier. Der Major ist der Einzige, der sie siezt.

»Als Soldat«, sagt er, »war ich froh, solche Dinger auf meiner Seite zu haben ... Wie viele haben Sie schon gefunden?«

»Wozu zählen?« Jährlich werden hunderttausend vernichtet – und zwei Millionen neu gelegt.

Unter jeder Hülle, jedem Mantel, jeder Haut ist eine Nähe, die ihr keiner gibt.

 

»In Herat«, sagt sie zu Haf Ramal, »hat der Wind mich auf den Boden gepresst. Hinter mir hat sich eine Düne angelagert. Und wieder dahinter schleppte sich eine Mine ans Tageslicht – eine Schildkröte, an deren Bauchseite die Feuchtigkeit der Tiefe haftete. Damals wurde ich auf die Asseln aufmerksam. Sie begleiten die Minen. Hast du das auch schon beobachtet?«

 

Sie sitzt auf dieser zurückgelassenen Bahre am Fluss. Die Saison ist bald zu Ende. In wenigen Wochen wird der Schnee meterhoch liegen. Im Tal bedauern dies viele. Kein Pfad hier. Kein Haus. Das Oberteil des Bikinis liegt im Gras. Der Major starrt hin, dann weg – und wieder hin. Mit dem Badetuch wischt sie sich über die Lippen und schiebt den Kopfhörer in den Nacken. »Es brennt bis in die Zunge. Wollen Sie die Wunde berühren?« Er schweigt. »Der Ort ist wichtig. Er war ganz mit Leben gefüllt.« Ihr Mund ist leicht offen. »Mut braucht es nicht. Man lässt etwas hinaus. Aber was?« Sie blickt über den Fluss. »Man kann sie wieder nachbilden. Sogar die Warze einsetzen.« Eine Kellerassel bewegt sich über die Bahre, schiefergrau und platt. Sie entdecken sie gleichzeitig. »Wenn man berührt wird, hat einer einmal geschrieben, ändert sich die Zeit. – Wissen Sie, dass die Kellerasseln ihre Jungen mit sich tragen, in einem Brutraum am Bauch?« Er schüttelt den Kopf. »Es sind viele hundert. Sie häuten sich mehrmals. Droht Gefahr, fliehen sie durcheinander ins Dunkle.«

 

Die meisten Wege sind Wege das Wassers. Dort, wo es sich heimlich zurückzieht, in einem Jahr, einem Jahrtausend, macht es die Welt unter der Erde gangbar. Narben. Schrunden. Höhlen. Es gibt Berge unter den Bergen. Einer, ein lehmiger Klotz, wird von den Einheimischen Daumen genannt. Zuoberst eine fast kreisrunde Felsplatte. Ein Wasserbecken in einer Einbuchtung am Rand, in das – in welchem Abstand? – von der Decke ein Tropfen fällt.

»Die Platte erinnert mich an unseren Altar. – Ich will dich nicht bekehren«, sagt sie zu Haf Ramal. »Aber dies ist ein besonderer Ort. Wenn du zurückkehrst, dann um dir zu beweisen, dass sich nichts verändert hat, außer dem Abdruck der Stiefel im Lehm.« Später, im Schlafsack, denkt sie die Liebe. Einen Zungenschlag lang wäre sie bereit. Die Lust eher ein Strom als ein Bild. Dann ist es schon wieder zu kalt. Ist es die Kälte, die das Miteinander ausmacht? Das Aushärten von unten? Jetzt, da sie die Töne vor dem Einschlafen zählt, sind es nicht viele. Sie ergeben eine einfache Melodie. Einen Singsang. Der Wassertropfen. Das Glucksen des Stiefels im Lehm, wenn er sich festsaugt. Das Einfache hat besser in ihr Platz als das Komplizierte. Wenige Töne. Kaum Farben. Tropfen und Stiefel. Assel und Mine.

Noch fehlt ihr das Gefühl für die rechte Zeit und den Raum, die Nische. Ihre Finger kreisen auf der Brust. Kleinigkeiten, Nichtigkeiten, die nichts mehr bedeuten.

 

Ich schiebe den Aufbruch vor mich her, schreibt sie, mein Rücken ist vom Liegen und Kauern brettig geworden. Sonne und Wind drücken. Auf einem Feld fand ich einen Arm neben einer Sichel. Ich sah einen Mann hinter dem Arm herhüpfen und vergeblich nach ihm greifen.

Das Gerücht kursiert, dass einer jeder Mine, die er vergrub, den Namen einer Frau gab. Auch eine Art Besessenheit.

Unter dem Mikroskop, habe ich unlängst gelesen, sind Krebszellen unbeschreiblich schön.

Ich soll mehr trinken, sagen die Männer.

Sonst trockne ich aus.

»Was willst du einmal werden?«, fragte mich Großvater an meinem fünften Geburtstag. »Eichhörnchen«, antwortete ich. »Und was noch?« »König«, sagte ich, »oder Krokodil – oder lieber Gott.«

»Dann musst du ganz frei von Sünde sein – wie ich«, schmunzelte Großvater, »das muss man nämlich, um ins Paradies zu gelangen! Kommst du mit?«

Ich war mir nicht so sicher wie Großvater, aber ins Paradies wollte ich unbedingt.

»Also nichts wie los!« Schon hob er mich aufs schwarze Motorrad und klemmte mich zwischen den Beinen ein.

An der Dorfkirche vorbei brausten wir den Steilhang hinauf, bis der Asphalt in Mergel überging. Mein Hintern muss knallrot gewesen sein, als Großvater endlich vor einer winzigen Hütte stoppte. Sie war mit Wellblech eingefasst, vielfach geflickt und von einem knorrigen Weinstock umrankt. »Willkommen im Hotel zum Paradies!«, strahlte er und zog unter einem Kalkbrocken einen Schlüssel hervor. Im Innern war es dämmrig. Ein Pfosten stützte die Decke. Es roch nach tiefem, süßem Herbst. Ein alter Campingtisch, drei Schemel und eine Autorückbank bildeten die Möblierung unseres Hotelzimmers. In einer Ecke stand ein verbeulter Kochherd. Holzscheite lagen am Boden, ein Beil. »Wer sich hier nicht daheim fühlt, braucht einen neuen Kopf«, sagte Großvater. Er stellte mich ans Guckloch. »Wo sonst kannst du von einem einzigen Fenster aus auf einen Fluss schauen, der ins Meer fließt, und auf Berge mit weißen Kappen, die in einem andern Land liegen?» Ich wusste es nicht. Doch hinter den Bergen war nur noch Himmel. Also hörte dort die Welt auf. »Wo sonst klopft der Grünspecht an den Fensterrahmen, siehst du den Dachs an der Haustür vorbeischleichen, den Fuchs, den Eber, wenn du ein Nachtauge hast, ein Eulenauge?« »Nirgends«, sagte ich mit männlich tiefer Stimme.

Aus einer Ecke zog Großvater zwei Stelzen hervor – mein Geburtstagsgeschenk. Ich weiß nicht mehr, wer bis zum Abend öfter im Dreck lag – Großvater oder ich. Jedenfalls ließ er nicht locker, bis wir es beide schafften, auf den hohen Stecken zwischen zwei Rebreihen hindurch das Paradies hinunterzustelzen. Es war mein erster Kontakt mit den Reben.

Tausend Flaschen Blauburgunder schenkte das Paradies in guten Jahren, »und für jede Flasche wird eine Sünde vergeben«, grinste Großvater in seinen dicken Schnauz hinein, als er vor der Heimfahrt an den Kirschbaum pinkelte, dass es hell schäumte am Stamm. »Das ist das Geheimnis. Der liebe Gott trinkt zu jedem Essen ein Glas Wein, musst du wissen, ich auch. Und er hat einen großen Schnauz wie ich. Vielleicht verstehen wir uns deshalb so gut. Doch sicher ist sicher: beten kann auch nicht schaden.« Er zwinkerte. Dann stiegen wir wieder aufs Motorrad. Großvater zupfte seine Mütze zurecht und wir fuhren los.

Später übernachteten wir oft im Paradieshotel – auf zwei aufklappbaren Liegestühlen. Zum Abendessen gabs Würste und Kartoffeln auf der Glut unseres Rebfeuers – und zum Dessert halbierte Äpfel, deren Kerngehäuse Großvater mit dem Militärmesser entfernte. Die Höhlung füllte er mit dunkler Crémant-Schokolade, die langsam zerfloss, während der Duft der Schokolade sich ausbreitete, die Welt zum Umriss wurde und das Paradies allmählich auskühlte.

Im Hüttchen breitete ich im Schein der Petroleumlampe die spitzen und gebogenen, spiralig aufgerollten und gerippten Versteinerungen aus, die ich tagsüber zwischen den Rebstöcken gefunden hatte. Großvater gab ihnen klingende Namen: Belemnites paxillosus, Arietites bucklandi, Gryphaea arcuata. Wir stellten uns vor, wie riesige Tintenfische vor Millionen Jahren in einer trägen Strömung aufs Paradies zutrieben, wie die Sterne entstanden und was das Nichts ist. Oder die Ewigkeit. »Was braucht es, dass man Mensch wird?«, fragte Großvater. »Futter«, antwortete ich. »Und warum haben wir Lippen?« Ich wusste es nicht. So schliefen wir ein, auf dem Rücken, die Hände über dem Bauch gefaltet, die Köpfe voller Rätsel.

Für Großvater begann der neue Tag stets mit einem Schluck kalten Wassers vom Hahn außen an der Hüttenwand. Dann hockte er splitternackt in den randvoll gefüllten Bottich. Er zeigte mir, wie man dabei den Mund verzieht und mit den Ohren wackelt. Pünktlich mit dem ersten Sonnenstrahl standen wir in den Reben, in einem Meer aus Blättern und Farben. Mit Händen und Füßen bewegten wir uns von Stock zu Stock, und ich lernte die Vogelrebe im Brachstreifen kennen, Reblaus und Pockenmilbe. Abends war ich zum Umfallen müde und der Wein noch lange nicht fertig. »Was sollen wir tun?«, fragte Großvater, »du bist doch mein Gehilfe.« »Geschichten erzählen«, antwortete ich. Eine Weinbergschnecke kroch der Hüttenwand entlang. Großvater erzählte mir die Geschichte von den verlorenen Fühlern. So wuchs das Geschichtenbuch in meinem Kopf: mit jeder Erdumdrehung.

Großvater schnitt stets im wachsenden Mond. Zusammen lasen wir das Rebholz auf, bündelten es und legten zu jedem Weinstock eine Handvoll Stalldünger oder Asche. An den Stöcken ließen wir nur den besten Trieb stehen und banden ihn zum Bogen, wenn ein leichter Regen die Schoße biegsam machte. Wir hackten und karsteten, brachen Zweige aus, spritzten Kupfervitriol und zwickten schweren Herzens die überschüssigen Früchte ab, gingen und wachten, hörten in jede Traube hinein und wussten Bescheid.

Großvater berichtete von Seeräubern, von Fässern, die an Strände gespült wurden, vom Papst und den Tauben, vom Mond, vom Licht, von Tätowierungen, vom Schnee und den Bergen. Ich wurde älter, und Großvaters Berge wurden höher. Und eines Tages kamen zu den Bergen die Frauen hinzu. Großvater lehnte am Bottich und beschrieb mir mit funkelnden Augen die Herrlichkeit eines weiblichen Hinterns. »Ich bin mit Großmutter zum Liegestuhl gegangen», sagte er, «hier im Paradies, und wir sind zu dritt aufgestanden, mit deinem Vater in Großmutters Bauch.«

Anderntags begann die Traubenlese – Weihnachten und Fasnacht in einem. Ich war jetzt vierzehn und schleppte erstmals die gefüllten Traggefäße zum Weg hinunter. »Für jede Traube, die eine Leserin übersieht, schuldet sie dir einen Kuss«, sagte Großvater, »sonst wird aus den Reben kein Saft. – Da!«, er zeigte auf einen Rebstock, an dem tatsächlich noch eine Traube hing. Mein Kopf glühte. Das Mädchen, das davor stand, hieß Regina. Ihr Haar war ein wildes Nest. Darunter leuchtete es in hundert Blautönen: blaue Sternenaugen, eine hellblaue, über der Brust gewölbte Bluse, sanft gewölbte dunkelblaue Shorts. »Da!«, wiederholte Großvater in Richtung Regina. Der Rebberg verschwamm mir zu einem himmlischen Gewölk, als Regina auf mich zukam und ich den ersten Kuss meines Männerlebens empfing. Nächtelang rauschte er durch meinen Kopf.

Dann kam der erste Frost. Wir trugen jetzt Wollhandschuhe. Der Harn am Kirschbaum gefror zu blassgelben Zapfen. »Jesus Maria, mein Pimmel ist dünn geworden«, sagte Großvater. In jener Nacht erzählte er mir vom Tanz an der Herbstmesse und von verpassten Zärtlichkeiten. Er wusste nicht, wer ihn geboren hatte. Manchmal hatte er sich eine sehr schmale Frau vorgestellt. Ihre Zähne waren unregelmäßig im Mund verteilt und sie roch nach Stall. Manchmal war sie weich. Sie lag in einem großen, hohen Bett, und er hörte, wie sie seinen Namen aussprach. Was für ein seltsamer Mensch, dachte ich, was für ein Träumer. Ein Nachtfalter schwirrte um die Petroleumlampe. Bedächtig leerte Großvater sein Glas. Wie still wir manchmal sein konnten.

Ein Jahr später wurde ich konfirmiert. Großvater saß mir gegenüber. Auf dem Tisch standen – neben vielen Blumen – zwei Flaschen Blauburgunder. Der erste Schluck schmeckte sauer. Es dauerte noch Jahre, bis ich den Paradieswein wirklich genießen konnte. An meiner Hochzeit. An Großvaters Beerdigung, da ganz besonders. Paradies heißt die Welt, wenn sie noch jung ist, durchschoss es mich, als wir ein letztes Mal auf Großvater anstießen, heißt der erste Kuss, heißt Schluck für Schluck älter werden in einem Glitzern, einem Funkeln, in den Geschichten am Grund.

BUCHVERNISSAGE «IN EINER UNMÖBLIERTEN NACHT»

26. April 2018, 19.30 Uhr, Kultur- und Sportzentrum Pratteln

 

Sehen Sie hier die Zusammenfassung von Kurt Suter, pratteln.net