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©2005, Lukas Kull
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SeemannsgarnKindergeschichte.
Seemannsgarn: abenteuerliche, nur zum Teil der Wahrheit entsprechende Erzählung (eines Seemanns). In dieser Geschichte wird mehr als 15 Mal Seemannsgarn gesponnen. Findest du die Stellen, wo etwas nicht stimmen kann?
Dies ist die traurige Geschichte von Schorsch, dem einzigen echten Seeräuber. Anfangs war Schorsch ein Pirat wie alle andern. Sein rechtes Bein war aus Eichenholz, sein linkes Auge aus himmelblauem Glas. Mit seinen Kumpanen hauste er auf der «Piranja», einem alten, rostigen Kahn. Johlend überfielen sie tagsüber vornehme Jachten. Und nachts stank Schorsch nach Knoblauch und Schnaps und träumte vom Emmental. Ja, Schorsch war Emmentaler, Spezialist für Überfälle auf Schiffe voller schneeweisser Emmentaler-Käse und viereckiger Toblerone-Schokolade. Schorschs Hakennase roch den Emmentaler, bevor die Käseschiffe am Horizont sichtbar waren. So wurde er dank seiner Nase ein bisschen berühmt. Seine Berühmtheit war gerade so gross, dass man ihn nicht über Bord warf, wenn er wieder einmal seekrank wurde beim ersten mickrigen Stürmchen. Nein, der Magen war nicht seine Stärke. Sein Blinddarm und der Stummdarm waren meist entzündet. Kein Wunder, dass er unglücklich war. So kam es, wie es kommen musste. Eines Nachts, als eine Forelle eben traurig aus dem Meerwasser blinzelte, lief plötzlich ein Schauer über Schorschs vernarbten Rücken – hinunter ins Birkenholzbein. Er hatte nämlich die Idee seines Lebens. Die ganze Mannschaft schnarchte. Eine dicke Käsewolke hing über der Küche der «Panja». Rasch stopfte Schorsch seine Siebensachen in den Seemannssack und liess das Rettungsboot ins süsse Wasser gleiten. Er ruderte wie noch nie in seinem Leben. Kurz vor Morgengrauen landete er bei der Insel Stromboli. Der Vulkan dort spie zu seiner Begrüssung eine gewaltige Wasserwolke in den Himmel. Schorsch bestellte in der Hafenkneipe zwei Spiegeleier mit Käse und schrieb seiner Grossmutter eine Postkarte: libe grosmuter, habe soeben drei spigeleier verdrückt. Der vulkan speit wie verükt. Um 9 Uhr bestieg er im Hafen den Zug nach Zürich. Nach genau 8 Stunden kam er um sechs Uhr abends bei Sonnenaufgang in Zürich an. Sofort machte er sich auf die Socken. Sein Puls klopfte. Der erste See, den er raubte, war eigentlich kein See, eher ein kleiner Tümpel auf einer Alp unter einer Felswand. In seiner Aufregung verschüttete er das halbe Wasser. Aber er hatte es geschafft. Der See steckte in seinem Sack. Zurück blieb ein Loch in der Alp. Mit einem Jauchzer kreiste er den See auf der Karte ein. Über einen Berg kletterte er ins nächste Tal hinunter. Der See, den er jetzt in den Sack stopfte, war schon grösser. Ein Fieber hatte Schorsch gepackt. Das Thermometer kletterte auf 44 Grad. Immer schwerer wurde sein Sack. Doch das Verschwinden der Seen blieb nicht unbemerkt. Die Königin in Bern versammelte die Bundesräte. Ein Spaziergänger wollte den Seeräuber von ferne gesehen haben. Suchmannschaften wurden losgeschickt. Doch die Schweiz wurde immer löchriger und der Schorsch immer frecher. Selbst vor Stauseen schreckte er nicht zurück. Ganze Täler waren plötzlich ohne Strom, in tiefe Dunkelheit gehüllt. Das Ende kam unerwartet. Eines Tages, als Schorsch eben daran war, bei Luzern den Fünfwaldstättersee einzupacken, platzte sein Seesack mit einem Riesenknall. Der Pirat fand nicht einmal Zeit, sein Seemannsgarn aus der Brusttasche zu ziehen und die Nadel einzufädeln. Ruckzuck wurde er von einer Flutwelle überspült. Da nützte alles Strampeln nichts. Zuerst versank sein rechtes Auge, das gläserne, dann sank er hintendrein. Er hatte es nämlich in all den Jahren versäumt, den Brustschwumm zu erlernen. So ertrank der einzige echte See-Räuber der Welt jämmerlich. Einzig Grossmutter kam an sein Grab und schluchzte ein wenig. Und die Touristen von nah und fern wunderten sich noch ein Weilchen über die riesigen Löcher. Doch diese füllten sich rasch mit dem Schmelz- und Regenwasser der Bäche. Dann war auch dieses Abenteuer vergessen. |