Markus Ramseier Schriftsteller | Flurnamenforscher | Lektor
 
   

Grrzpssch

Kindergeschichte.
in: Platsch, Lesebuch für das 3. Schuljahr.
sabe Verlag, Zürich 1997

 

Grrzpssch ... grrzpssch ... grrzpssch – so etwas Merkwürdiges hatte das Birkenblatt noch nie gehört: Grrzpssch! Es riss seinen ganzen Mut zusammen und rief: «Halt, wer da?» Das Geräusch verstummte. Aber nur kurz. Zwei Sekunden vielleicht. Dann begann es von neuem. Grrzpssch ... grrzpssch ... grrzpssch. Das Birkenblatt verspürte ein Kitzeln an der Oberseite. Doch zum Lachen war ihm nicht zumute. Hier, zuoberst auf der Birke, direkt unter dem Himmel, war das Leben gefährlich, konnte plötzlich der Regen aufs Dach klopfen oder gar der Hagel. War es vielleicht der Wind, der sein Spiel mit ihm trieb? Grrzpssch, grrzpssch ... Rasch richtete es sich auf am Stiel – da ... entdeckte es, ganz, ganz nah, etwas Dunkles, Langes, Unheimliches ... einen Rüssel ... und am Ende des Rüssels ... zwei Zangen. Grrzpssch ... grrzpssch ... und dahinter ... einen schwarzen Kopf mit glänzend schwarzen Haaren und Kugelaugen. «Hilfio», wollte das Birkenblatt schreien, aber das Wasser in seinen feinen Adern stockte. Ganz deutlich sah es hinter dem Kopf einen Schild, und auch der Schild war schwarz und schmiegte sich wie ein Panzer um den Hals, und darüber tauchten – verschwommen – zwei Flügel auf, auch schwarz ... und breit ... O Schreck und Graus ... Das Ungetüm stand auf schlanken, hohen Beinen, grrzpssch ... grrzpssch ... und bewegte seine Zangen. «Aua», schrie das Birkenblatt jetzt auf, «aua, aua, aua», so laut es ging. Doch das Ungeheuer rollte nur träge sein linkes Auge und sägte einfach weiter. Grrzpssch ... grrzpssch ... grrzpssch. Da schoss dem Blatt eine kleine Träne aus der feinsten Ader. Erstaunt hielt das Ungeheuer inne: «Was ist denn los?»

«Sie tun mir weh!», schluchzte das Blatt, «schrecklich weh!» «Oh, das tut mir aber sehr Leid. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Birkenblattroller.» Der Käfer blickte nicht unfreundlich aus seinen Kugelaugen. «Wir haben das halt so gelernt in der Birkenblattrollerschule. Ein rechter Birkenblattroller muss eine Birke suchen, zur Not geht zwar auch eine Erle, Haselnuss oder Buche.»

«Eine Birke?», fragte das Birkenblatt nachdenklich, «warum ausgerechnet eine Birke?»

«Ist doch logisch, wenn einer Birkenblattroller heisst, oder?»

«Und was macht der Birkenblattroller auf der Birke?», fragte das Blatt, ganz eingeschüchtert und mit schmerzverzerrtem Rand.

«Das kann ich Ihnen gleich zeigen», ereiferte sich der Birkenblattroller, und grrzpssch, grrzpssch setzte er seine Zangen erneut in Bewegung.

«Nein» schrie das Blatt. «Bitte nicht!»

«Also gut, ich will es Ihnen erklären: Ich suche mir ein saftiges Birkenblatt, so saftig wie Sie, zum Beispiel, dann schneide ich ein schönes scharfes S ins Birkenblatt, ganz genau bis zur Mittelrippe.» Das Birkenblatt wurde bleich und bleicher und zeigte auf sein Rückgrat: «Bis hier?»

«Exakt!»

«Und dann?»

«... kerbe ich die Mittelrippe ein und führe den Schnitt weiter, ganz genau bis zum andern Blattrand. Und dann gehe ich wieder an den Anfang zurück und klettere auf die Blattunterseite. Dort packe ich das Blatt und rolle es zur Mitte, mit der Unterseite nach innen. Das gibt einen schönen Birkenblattrollertrichter.»

«Aus mir?»

«Aus Ihnen! Ganz rasch geht das. Ein guter Käfer schafft’s in einer Minute. Die andere Seite wickle ich um diesen Trichter. In den Trichter nage ich Taschen, 1–6 Birkenblattrollertrichtertaschen.»

«Taschen?»

«Taschen, ja, für die Eier. In jede Tasche ein Ei, verstehen Sie?»

«In jede Tasche ein Ei», wiederholt das Birkenblatt voller Grausen.

«Dann wird alles mit der Blattspitze verschlossen und mit dem Rüssel vernäht – zick, zack, mit Birkenblattrollerrüsselstichen, in einer Stunde.»

Das Blatt schwieg traurig. Doch plötzlich schoss ihm etwas in die Adern. «Sind Sie ganz sicher?», fragte es aufgeregt. «Wäre Leim nicht besser ... als Rüsselstiche?»

«Leim», stutzte der Birkenblattroller kurz, doch schon fuhr er weiter: «Aus dem Ei schlüpft die Larve. Sie hat keine Füsse und ist weiss und ernährt sich vom eingetrockneten Blatt.»

Dem Birkenblatt wurde ganz schwindelig: «Dann bin ich also bald tot?»

«So ist das eben im Leben! Wenn das Blatt ganz ausgetrocknet ist und sich nicht mehr halten kann am Ast, fällt es mit der Larve zu Boden. Die Larve macht eine kugelige Höhle und verpuppt sich in der Erde. Der Käfer schlüpft im April oder Mai und sucht sich sofort ...»

«... eine Birke», fiel ihm das Birkenblatt ins Wort. «Aber», wiederholte es, «wäre Leim nicht besser?»

«Leim? Wie kommen Sie auf Leim?»

«Wir lernen das hier in der Birkenschule. Leim hält dreimal besser als Birkenblattrollerrüsselstiche. Das weiss hier jeder. Und ist dreimal rascher!»

«Dreimal drei macht neun», runzelte der Käfer den Rüssel, «dann habe ich wohl geschlafen in der Schule. Leim, Leim, Leim. Wo, zum Trichter nochmal, gibt es denn Leim in dieser Gegend?»

«Am Waldrand, bei der harzigen Tanne.»

Jetzt war es der Käfer, der den Kopf hängen liess.

«Das kann doch vorkommen», tröstete das Blatt den Käfer, «jeder schläft einmal ein in der Schule.»

«Jeder schläft einmal ein», murmelte der Käfer und krabbelte den Ast entlang. «Dann will ich den Leim rasch suchen.»

«Immer geradeaus», sagte das Blatt.

«Immer geradeaus», brummte der Käfer, «immer geradeaus, um es ja nicht zu vergessen.