Markus Ramseier Schriftsteller | Flurnamenforscher | Lektor
 
   

Rosamunde

Sonntagabend, 20.15. Die Falle schnappt zu: Setz dich zu uns, sagt meine Mutter. Schon hocke ich vor dem Fernseher. Ein blonder Beau fährt in einem Cabriolet der Küste Cornwalls entlang und steuert auf ein nobles Landhaus zu. Rührende Begegnungsszene mit der Verlobten. Ein paar Einstellungen später: Totale auf eine zweite, wunderschöne Frau. Dazwischen wunderschöne Landschaftsbilder. Ein winselnder Hund. Die aufgeregte Schwiegermutter in spe. Was für ein Schwachsinn, rufe ich aus. Hunderttausende schauen sich Sonntag für Sonntag diese Pilcher-Romanzen an, Frauen vor allem, während Hotel B. elendiglich krepiert. Psst, macht meine Mutter. Über der Küste braut sich das erste Gewitter zusammen. Natürlich rettet der Verlobte die Schöne aus dem Wolkenbruch. Natürlich schöpft die Geliebte Verdacht. Die Schöne kauert in einer Scheune. Zoom. Zittern. Zähneklappern. Der Verlobte schleicht sich zu ihr. Scherbenhaufen. Sie ist arm und hat bereits einen Freund. Tränen. Flucht. Chaos. Ich weiss, dass der Verlobte nicht seine Verlobte heiratet, sondern die Schöne, orakle ich. Psst, mahnt mich Mutter. Ich weiss, dass es erst im letzten Moment passiert, fünf Minuten vor der Trauung. Mutter fährt mir über den Mund. Es kommt haargenau, wie ich vorausgesagt habe. Doch als sie im Sonnenuntergang auf der Klippe stehen und auf ewig einander gehören, geschieht das Unfassbare: Ich wehre mich, ich kämpfe, es ist hoffnungslos. Aus meinen Augen spritzen lautere Tränen. Das darf nicht sein. Da serviert Rosamunde Pilcher mir ein Kitschmärchen, das vorgibt, wahr zu sein, und ich verliere die Kontrolle über mein Innenleben. Das unsäglich Einfache wird plötzlich unsäglich kompliziert. Es übermannt mich. Und Mutter blickt mir voll ins Gesicht. Sie wirkt gefasst. Der einzige Nassäugige bin ich. Es genügt nicht, die Dinge zu durchschauen, wenn das Herz es anders sieht, lächelt sie weise.

Auf dem Heimweg tröste ich mich, dass vielleicht deshalb so wenige Männer diese Filme ansehen, weil sie Angst haben vor ihren Tränen. Ich komme mir plötzlich ein bisschen heldenhaft vor.