Markus Ramseier Schriftsteller | Flurnamenforscher | Lektor
 
   

Mund Art

Mittwochabend. Auf dem Basler Marktplatz pfeift, trommelt und schränzt es von allen Seiten. Die Fasnacht steckt in den letzten Zügen, und plötzlich grinst mich einer unter seiner Larve an, mein alter Schulbanknachbar Frank. Was für ein Wiedersehen! Stolz steckt er mir einen «Zeedel» in die Hand – seinen Zettel. Frank, so erfahre ich staunend, hat sich zum Cliquendichter gemausert. Aus dem schreibgehemmten Primarschüler ist ein waschechter Värslibrünzler geworden: swiss – Riss – Schiss – Frank reimt mit Biss.

Frank ist einer von ein paar tausend fasnächtlichen Verseschmieden. Er macht Mund Art – und erst noch gedruckte. Dafür wird sonst jahraus, jahrein kaum Druckerschwärze geopfert. Nur wenige Zeitungen leisten sich den Luxus einer Mundart-Kolumne oder einer Nische für Mundart-Gedichte, obwohl der Dialekt in keiner Ecke des deutschen Sprachraums so verwurzelt ist wie bei uns. Die Mundart widersetzt sich der Schrift – ausser im persönlichen Brief oder Mail. Sie lässt sich nicht mit Rechtschreibnormen disziplinieren. Entsprechend mühsam gestaltet sich meist die Lektüre. Sind deshalb Mundartdichter vom Kaliber eines Burren oder Eggimann am Aussterben?

Einmal im Jahr allerdings werden alle Stolpersteine ignoriert – Frank und Co. sei Dank! Hunderttausende von Fasnachtszetteln landen in erwartungsfrohen Händen. Da wird geschüttelt und gereimt, dass es fast so kracht wie bei einer Schränzgugge. Daneben findet sich Filigranes, blitzt ein Wortreichtum auf im Alltäglich-Zwischenmenschlichen, vor welchem das Hochdeutsche schlicht verblasst. Über fünfzig Mundartausdrücke stehen etwa zur Umschreibung des Mannes zur Verfügung, allein ein Dutzend für den «unreinlichen Mann», vom Dräckludi über den Schmiirfink bis zum Söiniggel. Alle erscheinen sie auf irgendeinem Zettel - und in allen denkbaren Schreibvarianten, als Säuniggel, Seuniggel, Söinikel ...

Doch, Frank, ich mag euch Värslibrünzler, euer verwegenes Spiel mit Lauten und Buchstaben – getreu dem Motto: nütt isch valsch. In diesem Sinn: Uf Widerläse!