Markus Ramseier Schriftsteller | Flurnamenforscher | Lektor
 
   

H., Vielschreiber

In der Schule fiel H. nicht durch besondere Schreibleistungen auf – im Gegenteil: Bereits die Oberfläche der Wörter wurde ihm zum Verhängnis, die Dehnungen, die Schärfungen, ganz zu schweigen von der unsäglichen Verkettung der Wörter. Jeder Satz ein Kampf, jeder Aufsatz ein Schlachtfeld. Eine Anlehre als Topfgärtner schaffte H. mit knapper Not.

Wann sein erster Leserbrief erschien, weiss ich nicht mehr. Kurz nach der Rekrutenschule? Es ging um Schmierereien an der Kirche. Die Ausländer natürlich. Man klopfte H. auf die Schulter. Endlich einer, der es wagte, die Dinge beim Namen zu nennen. Erstmals erntete H. Lob für etwas Geschriebenes. Es war Balsam auf seine Wunden. Er schrieb weiter – immer öfter, immer länger – und erweiterte seinen Radius von der Lokal- in die Regionalzeitung. Sein alter Deutschlehrer staunte. Der Jungpolitiker H. schaffte den Sprung ins Gemeindeparlament mit Leichtigkeit. Und er schoss weiterhin aus allen Rohren, wann immer die «Journalistenbrut» versagte. Vielschreiber H. schaffte Leserquoten, von denen die Chefredaktoren nur träumten. Seine Briefe mutierten zu heimlichen Leitartikeln. Die Angeschossenen waren nicht unglücklich: Lieber eine Salve von H. als kein Echo.

Unlängst überflog ich in einer anderen Landesgegend die im Hotel aufliegende Tageszeitung. Ein Brief eines prominenten Politikers stach mir ins Auge. Wieder daheim, entdeckte ich den fast identischen Text in der eigenen Zeitung. Darunter stand H‘s Name. In den folgenden Wochen verglich ich verschiedene Zeitungen periodisch. Bald war mir klar: H. war kein Schreiber, sondern ein Abschreiber, ein Sprachrohr einer «höheren Macht». Kurz habe ich mir überlegt, selbst einen Leserbrief zu schreiben. Aber unter den Kopfschüttlern ist H. längst ein Heiliger. Widerspruch am Widersprecher würde dessen Popularität nur steigern. Nun wird gemunkelt, H. überlege sich eine Kandidatur bei den nächsten Regierungswahlen. Die Logik besticht: Als Regierungsrat müsste Topfgärtner H. seine Briefe nicht einmal mehr abschreiben.