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©2005, Lukas Kull
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GrussLieber Heinz Die einzige Spur nach draussen, die man in deiner Wohnung bislang fand, führt in mein Büro. Das Arbeitszeugins habe ich dir vor bald drei Jahren ausgestellt. Du warst sehr müde damals von siebenundfünzig Jahren Leben. Es gab Tage, an denen du eine Stunde brauchtest, um einen Fuss vor den andern zu setzen. Als du am Arbeitsplatz ankamst, war oft beinahe schon Feierabend. Und jetzt bist du für immer eingeschlafen, mitten im August. Erst der Verwesungsgestank hat dich verraten, einen Monat später. Ob du verheiratet warst, fragt die Sachbearbeiterin der Gemeinde am Telefon, ob du Kinder hattest. Ich glaube, du warst geschieden, sage ich, deine Ex-Frau kam aus dem Osten, Polen, Tschechei oder so. Einmal fielt ihr vom Motorrad in einen Graben, irgendwo bei Luzern. Ob du aus der Kirche ausgetreten bist, ob es irgendeinen Menschen gibt, der dich kannte, insistiert die Person am Apparat. Die Wörter sind dir spärlich aus dem Mund getropft, antworte ich, nur manchmal kam ein kurzer, heftiger Schwall. In frühen Jahren warst du als Weinhändler tätig. Ganz zuletzt hast du es als Nachtportier versucht. Am ehesten erinnere ich mich an deine Augen, den Schimmer deines seltenen Lächelns – fast inwendig. Ich klicke mich ins Internet, gebe deinen Namen in die Suchmaschine. Aber du bist nicht der Gitarrenlehrer, nicht der Küchenchef vom Grand Hotel, und du besitzt keine Carrosserie mit Spritzwerk für Reparaturen aller Marken, auch wenn der Inhaber exakt deinen Namen trägt. Dich gibt es im ganzen WorldWideWeb nicht unter deinem Namen. Über dich ist nie ein Bericht erschienen in keiner Zeitung, kein Interview, nicht einmal eine verstreute Meldung. Du warst zeitlebens niemandem eine Zeile wert. Auch zu einer Todesanzeige wirds nicht reichen. Bleibt der Schuldenruf im Amtsblatt – und diese Kolumne. Kein Nekrolog, Heinz, einfach ein letztes herzhaftes «Leb wohl». |