Markus Ramseier Schriftsteller | Flurnamenforscher | Lektor
 
   

Goldene Zeiten

Wir sitzen zu zweit im Abteil. Der Mann mir gegenüber spricht ohne Unterlass. Er arbeitet an einer Zusammenfassung des vergangenen Jahres. Ob ich daran interessiert bin? Ledereinband. Goldprägung und Goldschnitt, fast 400 Seiten, noch mehr Fotos und Grafiken. Die Chronik unserer Welt und unseres Lebens. Kein einfaches Unterfangen. Die Zeiten sind hart, die Sitten rau. Bestellt wird grossenteils bereits im Herbst, gedruckt im Ausland und zum frühstmöglichen Termin. Zum Glück ist der Papst nicht noch gestorben kurz vor Silvester. Nein, sage ich, Platz habe ich leider keinen. Ich fühle mich schuldig. Jahrbücher waren einst Stolz und Zierde mittelbürgerlicher Wohnwände. Ich erinnere mich an die «Weltrundschau» im Haus meiner Eltern. Rücken schmiegte sich an Rücken. Die Bände füllten ein ganzes Tablar. In die Hand nehmen durfte ich sie nur mit gewaschenen Händen. Heute sinkt die Nachfrage drastisch. Die Geschichte sträubt sich gegen Gebundenes. Der Mann zeigt mir ein Foto des letzten Muschelseidenspinners von Sizilien: Muschelseide war einmal kostbarer als Gold. Wussten Sie das? Ich schüttle den Kopf. Mein Gegenüber verstummt. Ich erzähle vom Kasten in meinem Arbeitszimmer, in dem ich aus der liederlich gelesenen Tageszeitung jene Artikel staple, die ich in einer ruhigen Minute einmal lesen will. Auch ich arbeite an einer Zusammenfassung des Jahres. Meist wird es später Januar. Dann stelle ich fest, dass das meiste von dem, was ich beim Herausreissen als wichtig erachtete, dem kollektiven Gedächtnis längst entglitten ist oder niemand sich mehr dafür interessiert. Bis Februar, sage ich dem Mann, muss meine Zusammenfassung Platz finden in sechzehn gereimten Strophen. Ich singe sie an der Fasnacht. Wenn die Leute in den Beizen und Kellern lachen, stimmt sie noch. Der Minibuffetwagen hält. Ich besorge ein Fläschchen Chianti und zwei Gläser. Wir stossen an – auf den Papst, auf den letzten Muschelseidenspinner, auf den goldenen Humor.