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©2005, Lukas Kull
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Säg emol Chrumamech!Die Flurnamen von PrattelnIn: Heimatkunde Pratteln, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 2003. «Säg emol Chuchichänsterli», pflegen wir Freunde aus der Fremde zu föppeln, die sich mit unseren markanten mundartlichen Reibelauten schwertun. Prattlerinnen und Prattler können die Zungenfertigkeit ihrer fremdsprachigen Bekannten auch auf die Probe stellen mit der Aufforderung: «Säg emol Chrumamech!» Ein Kroslaut zu Beginn – ein Kroslaut am Schluss. Was dieses «Gekrose» allerdings bedeutet, wissen selbst die Ortsansässigen kaum mehr.
Der Zungenbrecher: Chrumamech Chrumamech ist ein alter Flurname. Er steht – wie viele andere Namen – vor dem Absterben. Die so benannte Flur liegt auf der zweiten Schotterterrasse des Rheins, am westlichen Siedlungsrand, zwischen Muttenzerstrasse und Tramlinie. Wenn wir den Namen nicht mehr verstehen, dann vor allem aus zwei Gründen: Einerseits, weil sich seine Form im Laufe der Jahrhunderte stark verändert hat, andererseits, weil auch die Flur einem rasanten Wandel unterlag. In einem Güterverzeichnis aus dem 16. Jahrhundert ist der Name noch viel unverfälschter. Er lautet dort: im krummen Mannwerk. Die Flur eines krummen Mannes? Nein! Krumm bezieht sich auf die ehemalige Form der Flur – sie lag in einer Weggabelung. Mannwerk ist ein altes Feldmass: so viel, wie ein Mann an einem Tag auf den Matten «werken» (= mähen) konnte, ca. 40 Aren. Rund um den Chrumamech liegen vorwiegend Fluren, die auf -matt enden: Rosenmatt, Dürrenmatt, Zollmatt, Aegelmatt, Grabenmatt, Hexmatt, Stockmatt, Neumatt. In diesem Wohngebiet lagen vor Zeiten die Prattler Wässermatten. Aus Mangel an Dünger wurden sie über einen Bewässerungsgraben aus dem nahen Talbach bewässert. Die Wässermatten sind heute verschwunden. Mit ihnen (fast) auch der Name Chrumamech. Für wenige Tage lebte er nach der Überbauung der Flur in den späten 50er Jahren als Strassenname weiter. Dann empfand ihn der damalige Gemeinderat als zu hässlich. Das Schild wurde abmontiert. Es soll noch heute in der Bauverwaltung vor sich hinschlummern. Der heutige Strassenname lautet: Neumattstrasse ...
Die Veteranen: Rhein und Ergolz Die Prattler Namenlandschaft ist das Ergebnis eines jahrtausendelangen Prozesses von Besiedlung, Nutzung und Gestaltung. Dabei stehen Namen aus früheren, bei uns verschwundenen Sprachen neben Namen aus der heute gesprochenen Sprache. An die älteste greifbare Schicht erinnern die Flussnamen Rhein und Ergolz. Sie werden zu einer indogermanischen Wurzel *rei <fliessen> bzw. *arg <klar, glänzend, weiss> gestellt und lassen sich nur schwer bestimmten Völkerschaften zuordnen. Namen dieser ältesten Schicht sind sehr selten, und das Sternchen vor der Wortwurzel besagt, dass die entsprechenden Formen erschlossen werden müssen und nirgends schriftlich belegt sind. Kurz vor der Zeitenwende beginnt mit dem Bau von Augusta Raurica durch die Römer ein zweites grösseres Kapitel der Namengeschichte. Der Ortsname Pratteln ist der wichtigste Zeuge dieser Epoche. Er ist auf lateinisch pradellum <kleine Wiese> zurückzuführen. Der Grossteil der Prattler Flurnamen stammt aus dem Alemannischen. Die Alemannen, ein germanisches Volk, begannen um 500 n. Chr. die Gegend südlich des Rheins intensiv zu besiedeln. Teilweise entlehnten sie dabei auch Wörter aus dem Lateinischen. So geht der Flurname Chäpeli auf lateinisch capella <Kapelle> zurück. Er weist auf eine frühere Kapelle auf der Flur am Rand des Geisswald. Im Chästeli steckt ein lateinisches Lehnwort castellum <befestigte Anlage>. Auf dem Chästeliacher wurden Mitte des 19. Jahrhunderts die Überreste einer römischen Villa gefunden.
Die Kahlen: Rüti, Stockmatt, Blözen Mit der Zuwanderung durch die Alemannen setzte eine rege Rodungstätigkeit ein. Wilde Natur verwandelte sich so in Kulturland. Was kultiviert wurde, wollte auch benannt sein. Flurnamen wie Rüti, Stockmatt oder Blözen halten die Erinnerung an diesen Vorgang ganz direkt fest: Auf der Rüti steht heute unter anderem das Gebäude der Interio. Der Name leitet sich ab vom mittelhochdeutschen Verb riuten und bezeichnet durch Roden und Verbrennen urbar gemachten, von Baumwurzeln befreiten Boden. Unsere Vorfahren mussten den Prattler «Urwald» buichstäblich mit der Hacke Stamm für Stamm freiroden! Der Name Stockmatt an der Muttenzerstrasse weist darauf hin, dass beim Roden einzelne Wurzelstöcke stehen blieben. In Blözen – heute u.a. Friedhofareal – steckt das Verb blössen <entblössen>. Blözen – die vom Wald befreite, kahle Stelle. Bis zu Beginn dieses Jahrhunderts hat sich das Netz der Namen stetig erweitert und verfeinert. Seither hat eine massive Gegenbewegung eingesetzt. Traditionelle Namen verschwinden. In der Namenlandschaft entstehen Löcher, weil immer weniger Menschen die Fluren aktiv nutzen. Trotzdem sind von den gegen 300 überlieferten Prattler Flurnamen mehr als 150 zumindest bei der älteren, ortsansässigen Bevölkerung noch in Gebrauch. Jeder Name erzählt eine kleine Geschichte – über die Geländeform, die Bodenbeschaffenheit, Bewirtschaftung, Pflanzenwuchs, frühere Besitzer, alte Rechtsverhältnisse, Ereignisse, sagenhafte Begebenheiten usw. Aneinandergehängt können diese kleinen Geschichten viel zur grossen Geschichte des Dorfes beitragen. Die nachfolgenden Beispiele sollen dies zumindest andeuten.
Topographie: Der Ätti im Graben? «Es wächsle Bärg und Täli so liebli mitenand», heisst es im Baselbieterlied. Dieses Auf und Ab kommt auch in vielen Prattler Flurnamen zum Ausdruck. Namen wie Madlechöpfli oder Horn deuten bildhaft auf Erhebungen. Bruhalden, Moderhalden, Dumphalden und Lahalden oder Blözenrain, Hohenrain weisen auf Abhänge. Im Vergleich zur Holden (Halde) gilt der Rain als weniger steil. «Bald gras ich am Hübel, bald gras ich am Räi, bald han ich es Schätzli, bald han ich e käis», lautet ein alter Kinderreim. Vertiefungen und schluchtartige Einschnitte liegen Namen wie Wannen, Eglis-, Hülften- und Ättigraben zugrunde. Im Fall Ättigraben könnte man vermuten, ein Ätti (Vater) sei einmal in den Graben bei der heutigen Autobahn gefallen. 1387 ist der Graben jedoch als ze mägtengraben bezeugt. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Graben das M am Wortanfang abgespalten und das g im Wortinnern ausgestossen. Überdies hat sich die Endung von -en zu -i verkürzt. Aufgrund der ältesten belegten Form ist zu vermuten, dass sich im ersten Namenglied eine ehemalige Besitzerin Magdalena verbirgt.
Bodenbeschaffenheit: Kein Halt in der Rütscheten Die Goleten liegt oberhalb des Schiessplatzes Lachmatt – ein coupierter Hang, der als Weid- und Wiesland genutzt wird. 1368 ist die Flur erstmals bezeugt, als Hugo Marscalci, Ritter von Basel, der Priorin des Steinenklosters ein halbes Mannwerk Matten in der Koloti schenkt. Koloti ist eine latinisierte Form. Gol ist ein altes Wort für groben Steinschutt. Goleten wäre demnach als Wort ursprünglich ein Haufen unförmig übereinander liegender Steine, z.B. von einem Erdrutsch herrührend. Goleten weist also, wie die benachbarte Rütscheten, auf die Gefährdung durch mögliche Rutsche hin. Folgerung: Sei vorsichtig, wenn du auf der Goleten oder Rütscheten baust. Sumpfig war der Boden im Sodacher. Mit Wasser gefüllte Vertiefungen im Boden wurden als Sod bezeichnet. Auch der Netziboden triefte vor Wasser: Mittelhochdeutsch nezze bedeutet <Nässe, Feuchtigkeit>. Das Gebiet Grüssen wird heute von Industrie und Gewerbe genutzt und ist weitgehend zubetoniert. Ursprünglich steckt aber nicht Beton in der Flur, sondern Gries, grobkörniger Sand, Kies, der seit dem 18. Jahrhundert in der Grüssengrube auch abgebaut wurde. Der rötliche Keupermergel dürfte zum Flurnamen Röti geführt haben, der ein Waldgebiet bezeichnet, das immer wieder für Unruhe sorgte, wie folgender Ausschnitt aus dem Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 14. Mai 1888 belegt: «Gottl. Dürr ist eingeklagt, in der Röthi Tännli für Rebstecken abgehauen zu haben. Es wird derselbe mit Fr. 6.-, eventuell 2 Tage Arrest gebüßt.»
Bewachsung: Zittere wie nes Aspli 1394 stritt Gottfried von Eptingen mit seinen Söhnen gegen Petermann von Eptingen unter anderem um «das holtz, daz man nempt das Aspe». Heute lautet der Name Asp beziehungsweise Aspenrain. Er geht zurück auf die Espe, die Zitterpappel. Das Zittern der Espenblätter hat zu vielen Redensarten geführt, z.B. «zittere wie nes Aspli». Dieses Zittern wird im Volksglauben darauf zurückgeführt, dass die Espe als einziger Baum beim Sterben Jesu unempflindlich blieb und deswegen zur Strafe ewig zittern muss. Der prominenteste Waldbaum der Nordwestschweiz, die Buche, versteckt sich im Buholz, das eigentlich Buechholz heisst. Die Buche war als Brennholz sehr geschätzt, wie auch folgender Stossseufzer belegt: «Ich fürchteti der Winter nid, wenn ich chönnt buechigi Schiter schisse und Öl brünzle!» Der Name Erli weist auf ein ehmaliges Erlengehölz. «Erligs isch s beschte Holz, wills am lengschte hebt», pflegte man zu sagen. Aber auch, in Anspielung an hochdeutsch ehrlich: «Er isch nid vom erlige Holz gmacht.» Eine Verschmelzung aus Zu der Linden stellt der Flurname Zurlinden dar. «Under der linden an der strasz» schwörten die hörigen Leute von Brattellen 1470 Ritter Hans Bernhart von Eptingen die Treue. Die Linde im Ortskern hatte grosse Bedeutung als Gerichtsbaum. An die mächtige Eiche, die als Grenzbaum die Kreuzung der grossen Landstrasse von Basel nach dem Unteren Hauenstein mit der Querstrasse zwischen Pratteln und Augst markierte, erinnert noch der Name des Restaurants Chrummi Eich.
Nutzung: Rosen auf der Matte? Auf der Rosenmatt steht heute die katholische Kirche. Eine Matte, auf der einst Rosen wuchsen? Kaum! 1387 hiess die Flur Matten zu Rossen. Keine Rossweide! Ross bezeichnete vielmehr einen kleinen Teich zum Einlegen und Erweichen – Rossen – von Hanf und Flachs. Die Rossmatte war die Wiese, auf der man die Pflanzen den Witterungseinflüssen von Regen und Tau aussetzte, anstatt sie in den Teich zu legen. Im Ros(s)enloch wurden die Hanfstängel auf einem Holzgerüst geröstet, damit sich der Bast leicht lösen liess. Der kaum mehr bekannte Pfennigacher stellt sich zu lateinisch panicum und bezeichnet die Kolbenhirse. Der Name weist darauf hin, dass die Alemannen in unserer Gegend von den Römern diese Kulturpflanze übernahmen – wie auch den Spelt, die Linse, den Kicher und die Wicke.
Form, Grösse, Lage: So Längi wie Breiti Flurnamen wie Längi und Breiti verweisen auf die ursprüngliche Form einer Flur. Die poetischste Flur im Prattler Bann ist zweifelsohne das nur mündlich belegte Bruthalstüechli, das ein dreieckiges Landstück umschreibt. Auch der Gerenacher hatte ursprünglich eine nach vorn zugespitzte dreieckige Form. Der Name enthält das alte Wort ger <Wurfspiess, keilförmiges Stück>. Die einstige Grösse der Flur kommt im Namen Siebenjurten zum Ausdruck: sieben Jucharten (ca. 2 Hektaren). Die Banngrenze zwischen Muttenz und Pratteln verläuft an der westlichen Grenze der Lachmatt. Sie hat ihren Namen von den Lachen oder Lochen, welche die Grenze markierten. Die heutige Lahalden hiess ursprünglich Lochershalden. Bereits 1441 ist dort ein Galgen bezeugt. Unter anderen wurde ein Hans Ortleder gehängt, «welcher zwey Pferde ab der Waide gestolen.»
Tiere: Wölfe in der Rütscheten ... Tiere sind in grosser Zahl in den Prattler Flurnamen vertreten: Fröschmatt, Füllihag, Geisswald, Chäferberg, Chatzenweiher, Otterlöcher, Vogelmatt. 1368 wird in einer Urkunde ein Ort under an dem Egelsee erwähnt. Offenbar gab es im Gebiet der heutigen Aegelmatt einen Weiher, in dem Blutegel gehäuft vorkamen. Die kleine Ringelwürmer waren früher in der Medizin sehr begehrt. Auch bei uns verschwundene Tiere leben in Flurnamen weiter. So ist der Wolf für Pratteln in den leider nicht mehr gebräuchlichen Flurnamen Wolfhag und Wolfsbüel bezeugt. Der Wolfhag bezeichnete einen Hag im Raum Madlen. Wolfsbüel ist die ältere Benennung für das heutige Gebiet Rütscheten. Wölfe wurden in mit Reisig bedeckten Gruben oder mit Netzen und Fallen gefangen. Zum Teil machte man ihnen öffentlich den Prozess und hing sie an Galgen auf.
Besitzer: ... und Löwen im Grund? Nicht immer leitet sich die Namengebung von äusseren Merkmalen wie Geländeform oder Bodenbeschaffenheit ab. Häufig wird auf sekundäre Benennungsmotive ausgewichen, beispielsweise auf den Besitzer. Der Name des Besitzers lebt in vielen Fällen in einem Flurnamen weiter, wenn das Grundstück schon längst in andere Hände gelangt ist. Vor dem 11. Jahrhundert gab es im deutschen Sprachraum keine Familiennamen. Der Personenname genügte zur Unterscheidung. Der Götzisboden ist heute Industrieareal. Götzen wurden dort keine verehrt, sondern die Flur war vormals im Besitz eines Gösger. Im Remeli verbirgt sich wohl eine Verkleinerungsform zu Remigius, und die Kunimatt gehörte einem Konrad. Der Familienname Hagenbach ist verewigt im Hagenbächli, welches das ehemalige Pfarrpfrundhäuschen sowie sein Umgelände auf der markanten Geländekanzel am südlichen Siedlungsrand bezeichnet. Es wurde im 17. Jahrhundert durch Pfarrer Christoph Hagenbach erbaut. Der Schwobenacher in den Reben war im Besitz einer Familie Schwob. Keine Löwen machten den Leuengrund unsicher. Er ist bereits im 14. Jh. als Löwengrund bezeugt, als Besitztum eines Löw. Auch Institutionen finden sich unter den Besitzern. Schon 1103 stattete Bischof Burchar von Basel das neu gegründete Kloster St. Alban in Pratteln mit Gütern aus, worauf der Name St. Albanmatt verweist. Diese Güter wurden zu einem Hof vereinigt. Der Gallenacher wiederum gehört dem Kloster St. Gallen. Die Dumphalden, einst Rebgebiet, war im Besitz des Basler Domstifts.
Ereignis/Sage/Aberglaube: War da viel böses Volk Viele Flurnamen sind mit bestimmten auffälligen Ereignissen verknüpft. Der spektakulärste Name ist dabei sicher die in verschiedenen Hexprozessen dokumentierte Prattelermatt oder Hexmatt, wo sich die Hexen aus allen Himmelsrichtungen zum Tanz getroffen haben sollen (vgl. Kap. Sagen). Im Cholholz wurde einst Köhlerei betrieben, im Chaibacher wurden die Chaibe, die Tierkadaver, verscharrt. Wer sich wann im Stritacher, dem heutigen Banntagspaltz, die Köpfe eingeschlagen hat, ist unklar. Selbst nach eingehendem Quellenstudium gibt eben nicht jeder Flurname sein Geheimnis preis. Trotzdem lohnt es sich, auch zu diesen dunklen Namen Sorge zu tragen. Wie ein Mensch wird nämlich auch eine Flur mit einem Namen zu einer Art Persönlichkeit – und damit unverwechselbar.
Literatur und Quellen Namensammlung der Forschungsstelle für Orts- und Flurnamen Baselland, Pratteln 1988ff. Staatsarchiv Liestal, Bereine und Pläne Pratteln Gemeindearchiv Pratteln, Bereine, Kataster, Protokolle Gemeinde-Übersichtsplan 1:5 000, 1925 Ortsplan Pratteln 1996 Ernst Zeugin, Die Flurnamen von Pratteln, Pratteln 1936 |