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©2005, Lukas Kull
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Galgenvögel am StrickKriminelle Ereignisse und ihre Spuren in FlurnamenIn: Baselbieter Heimatbuch, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 2005 Von den rund 17 000 noch gebräuchlichen Baselbieter Flurnamen sind einige hundert mit bestimmten Ereignissen verknüpft. Innerhalb dieser Gruppe der Ereignisnamen gibt es ganz harmlose Fälle, aber auch solche, denen Vergehen und Verbrechen unterschiedlichster Art zugrunde liegen.
Längst nicht jede Brandstiftung, jeder Grenzfrevel, Diebstahl oder Mord, der sich auf einer Flur ereignet, verfestigt sich zu einem Flurnamen. Und dort, wo dies der Fall ist, sagt der Name auf Anhieb oft nicht allzu viel, müssen die Fakten mühsam recherchiert werden und bleiben häufig im Dunkeln beziehungsweise lassen sich nicht klar abgrenzen von Sage und Aberglauben.
Wenn die Späne fliegen Seit es Menschen gibt, wird wohl gräggelet, ghändlet, kiflet und im schlimmsten Fall gemeuchelt und gemordet. Darauf weist zum Beispiel das im Baselbiet gleich im Dutzend bezeugte Namenelement Strit. Die Grundbedeutung des Wortes ist 'Widerstreben, Starrsinn, Aufruhr'. Um das Stritholz zankten die Benkener einst vergeblich mit den Bielern, bevor sie sich mit diesen friedlich zu einem Dorf vereinten. Eng verwandt mit Strit ist das alte Wort Span mit der Bedeutung 'Spannung, Uneinigkeit, Zwist'. Der Spangraben erinnert an eine alte Auseinandersetzung zwischen Laufen und Bärschwil SO. Auch im Arlesheimer Gspänig flogen die Späne, aber nicht weil sich die Tauner, Taglöhner und Hintersassen dort mit Abfallholz eindeckten, wie Alteigesessene vermuten, sondern aus handfesteren Gründen, was der zweite Name dieses ertragreichen Waldgebiets unterstreicht: Stritholz. Nach langen Händeln konnte am Verenentag 1670 der Grenzstreit zwischen Maisprach und Buus beseitigt werden. Die Buuser verzichteten auf das Streit- oder Zankhölzlein. Es wurde im Namen beider Gemeinden dem Pfarrer zum Holzen gegeben und fortan auch elegant Herrenhäuli genannt – der Wald, wo der Herr (Pfarrer) sein Holz schlagen kann. Nicht immer springen Streit und Unrecht vom Namen direkt ins Auge. Die sagenhafte Ziefener Feufbätzligumpi, eine tiefe Stelle der Hinteren Frenke im Oberdorf, soll ihren Namen der Tatsache verdanken, dass in ihrer Nähe vor vielen Jahren falsches Geld gedruckt wurde. Als die Fälschung entdeckt wurde, habe man das Geld dort in den Bach geworfen ...
Bettler und Vaganten Während bei Namen mit dem Bestimmungswort Strit- und Span- die Tat an sich im Vordergrund steht, wird in einer anderen Namengruppe die Täterschaft betont. Besonders häufig sind Bettler, Schelme und Vaganten im Namengut vertreten. Die im Baselbiet mehrfach bezeugte Zusammensetzung Schelmenloch bezeichnet meist Höhlen, die Gesetzesbrechern – zumindest der mündlichen Überlieferung nach – einst als Aufenthaltsort dienten. So soll das schwer zugängliche Reigoldswiler Schelmenloch bei den Wasserfällen der Bürtenflue einer Räuberbande als Versteck gedient haben, wie der Solothurner Chronist Haffner im 17. Jahrhundert berichtet: Ist ein böser Mörder / dessen 12 Gesellen sich auff der Wasserfallen eine gute Zeit lang in einer Höli / so sie in den Felsen gegraben / auffenthalten / und vil Persohnen ermördet / in der Vogtey Dorneck behändiget / nachher Solothurn gefänglich eingebracht und justificirt worden. Nicht gern gesehen waren von der Obrigkeit Bettler und Vaganten. Sie hielten sich oft auf Grenzfluren auf, so in der abgelegenen Bättlerchuchi im Chaltbrunnental bei Brislach. Auch beim Bettlerbaum in Ziefen siedelte sich hin und wieder umherziehendes Bettelvolk an. Bei einer Grenzbereinigung wurde 1929 der Heimatlosenplätz aufgeteilt, ein steiles, schmales, dreieckiges Waldstück von etwa 63 Aren im Grenzbereich Anwil, Kienberg SO und Wittnau AG. Das Niemandsland hiess auch In der Freyheit. Dort fanden die Heimatlosen bei Bettlerjagden Zuflucht. Mit der Grenzkorrektur verschwand dieser letzte Fleck Erde im Baselbiet, der niemandem gehört hatte.
Mord und Totschlag Dass auf den Baselbieter Fluren nicht nur Diebe und Schelme, sondern auch ruchlose Verbrecher ihr Unwesen trieben, bezeugt etwa der Schönenbucher Name Mördergraben, benannt nach einem Mordfall in früheren Zeiten. Kaum mehr bekannt ist die Mördereiche auf der Wintersingeregg. Ein Posamenter aus Wintersingen soll auf dem Heimweg von einem Heiratswilligen, der Geld brauchte, erstochen worden sein. Das junge Eichlein, das am Tatort stand, liess man aufwachsen. Als der Mörder am Unterdorfbrunnen in Maisprach seine blutbesudelten Hände wusch, ahnte er nicht, dass er bald erwischt und enthauptet werden würde. Blutig ging es wiederholt auch in der Gegend des Plattenpasses bei Ettingen zu und her. Zu später Nachtstunde überquerte einmal ein Metzger mit seinem Hund und einem gekauften Kalb den Blauen. Auf der damals nur leicht bewaldeten Bockmatte überfielen ihn Räuber und streckten ihn mit seinen beiden Tieren nieder. Zum Andenken an das Ereignis steht heute am Tatort das Metzgerchrüz. Ähnliches widerfuhr auf dem Hochblauen an der Grenze zwischen Ettingen und Blauen einem reichen Kaufmann aus Basel. Die Verwandten des Getöteten forschten dem Verschwundenen nach. Die Spur führte ins Wirthaus auf den Plattenpass, wo man seine Kleider fand. Zum Seelenheil des Ermordeten errichtete man an der Mordstätte ein Kreuz, das Chrämerchrüz genannt wird. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Wasserversorgung Gelterkinden eine Quelle gefasst wurde, stiess man auf ein Skelett, um das ein Mantel gewickelt war. Anhand der Knöpfe des Mantels wurde das Skelett als das des Hübelheini identifiziert, des ehemaligen Badwirts. Er war von seiner Frau umgebracht und in diesem Graben verscharrt worden. Seitdem heisst der Dübachgraben in Rothenfluh auch Hübelheinisgraben. Am Önsberg folgt die Grenze Maisprach – Magden dem tief eingeschnittenen Ursulagraben. Der heute vergessene Flurname soll auf eine junge Frau namens Ursula zurückgehen, die dort vor Zeiten ihr uneheliches Kind umgebracht und begraben habe.
Galgen und Rad Die rund dreissig Baselbieter Flurnamen mit dem Bestimmungswort Galgen- deuten darauf hin, dass Verbrecher früher in der Regel ziemlich unzimperlich angepackt wurden. Die Galgen befanden sich meist an weitherum sichtbaren Punkten – nicht nur zum Zweck der Abschreckung, sondern auch als Zeichen der hohen Gerichtsbarkeit. Der Strang galt als übliche Hinrichtungsart für Schwerverbrecher, aber auch für Schelme und Landstreicher. Gehenkte pflegte man so lange am Galgen zu belassen, bis Aasvögel das Leichenfleisch verzehrt hatten. Die verbliebenen Gerippe wurden an Orten verscharrt, die kirchlichen Begräbnisstätten fern lagen. Auf dem Galgenacher in Buckten stand der Galgen des Amtes Homburg, auf dem Dorfplatz die Gerichtslinde mit dem Pranger. Galgenstein ist der Name eines Waldstückes nahe der Grenze gegen Gempen. Er bezieht sich auf den sogenannten Galgenkrieg des Jahres 1531, als Solothurn als Zeichen der hohen Gerichtsbarkeit einen Galgen errichten liess, den die Liestaler Mannen gründlich umhauten. Der Galgen wurde wieder aufgebaut. Schliesslich kam es durch eidgenössische Vermittlung zur endgültigen Entfernung. Der Liestaler Radacher ist 1618 bezeugt als Ackher beym Rad. Rad bezeichnet das Hinrichtungsgerät und verweist auf eine mittelalterliche Richtstätte. Soweit eine kleine Auswahl an 'kriminellen' Flurnamen. Nicht einbezogen sind jene Namen, die auf kriegerische Ereignisse hinweisen, der Chriegsweg in Ettingen etwa, die Schwedenschanze in Pfeffingen, das Schwobenloch in Reinach, die Napoleonstrasse in Allschwil usw. Und unberücksichtigt bleiben mussten auch all die sagenhaften Namen, die sich um Hexenverfolgung oder Bannung böser Geister drehen, zum Beispiel die berüchtigte Hexmatt in Pratteln oder der Wälschelselisgraben in Arlesheim. Sie alle werden aber in den 86 Ortsmonographien der Baselbieter Gemeinden und im abschliessenden kantonalen Namenbuch gebührend gewürdigt. |