Markus Ramseier Schriftsteller | Flurnamenforscher | Lektor
 
   

Raben

Streifen um Streifen wusch die Sonne den Himmel blau. Die Straße war voller Pfützen. Schnecken und Würmer waren in Scharen unterwegs. Ich trug meine Plastikpelerine und die gelben Gummistiefel, bückte mich, schob einen Wurm mit einem Stück Draht auf meine Znünitasche, ließ ihn am Bord ins Gras fallen und hauchte ihn an. Dann deckte ich ihn mit einem Blatt zu. In den Pfützen schwammen Wolken. Eine war ein Kamel. Eine andere eine Maus. Die Maus jagte das Kamel. Ich wühlte mit dem Draht im Wasser und baute mit Kieselsteinen und Moos einen Hafen für die Schnecken. Meine Sohlen stempelten den Asphalt – Zickzack und Kreis. Mit den Fingern ratterte ich den Zaunlatten entlang. Die Gärten dahinter waren weit, voller Buckel und Löcher. Eine Nussschale schaukelte auf einem Laubhaufen. Wenn ich den Daumen an den Zaun presste, wurde er am Nagel rot und darunter weiß.

Im Kindergarten hörte ich, dass ich wieder zu spät gekommen war. Die Kindergärtnerin nahm mir mein Znüni ab, zwei Schnitten Brot mit Galakäse dazwischen. Sie setzte mich auf den umgekehrten Eimer in der Putzkammer, schloss die Läden und löschte das Licht. Die andern hielten sich jetzt an den Händen und sangen. Ich hatte keine Angst vor der Finsternis und vor der Hexe, die vorgab, eine Kindergärtnerin zu sein. Im Kammerdunkel ging ich den Weg ein zweites Mal und hielt an, wann und wo immer ich wollte, vor den Strohbesen der Straßenwischer, dem platt gedrückten Krötenpanzer.

Schließlich wurde es wieder hell und ich sollte etwas zeichnen. Ich malte eine rote Schnecke, die kopfvoran in meinen Pfützenhafen glitt. Das ist keine Schnecke, sagte die Hexe, das ist eine Ziege. Sie zeigte auf die Fühler: Die hat doch Hörner. Als es klingelte, ergriff ich den Hut der Hexe und warf ihn unter ihr Auto. Am Abend stand sie vor unserer Haustür und sagte meiner Mutter: Er ist zu langsam, um in die erste Klasse zu gehen. Und wirklich kam ich am andern Morgen erneut zu spät, denn der Wind hatte mir Kastanien- und Platanenblätter auf den Weg gelegt, dazu ein zusammengefaltetes Stück Papier, und der Gesang der Raben in den Bäumen war mehr als ein Kräh oder Kraah.

Hin und wieder träumte ich im Dunkeln davon, dass sie starb. Einmal stellte ich mich mit ausgebreiteten Armen vors fahrende Hexenauto und war eine Vogelscheuche. Vater wetterte. War so einer reif für die Schule?

Nach einem halben Jahr saß Mutter am Elternabend zuhinterst im Klassenzimmer. Sie wagte kaum hinzuschauen, als ihr die Lehrerin am Schluss meinen ersten kurzen Aufsatz zeigte. Er gehört zum Wenigen, was ich aus der Kindheit in meiner alten Zauberschachtel aufbewahre. Der Rabe ist Schlau, hatte ich auf holpriger Schreibspur festgehalten. Er get Jagen er hat eine gute Nase. Wenn man in ergert Beist er. Er läst nüsse vallen das sie auf gehen. Ihr Sohn ist auch ein Rabe, sagte die Lehrerin. Raben müssen ab und zu über sieben Berge fliegen, um an ihre Nahrung zu gelangen.

Ich habe meine erste Lehrerin geliebt. Sie hat mir Zeit gelassen, um meine Welt und ihre Wörter zu finden. Raben krächzen, knarren, pfeifen, plärren, quakeln, quarren, rattern, rätschen, trillern. Manchmal bleibe ich noch heute unter ihrem Schlafbaum stehen und warte, dass es dunkel wird.